— In Ordnung — sagte Katalin und schloss langsam den Laptop. — Dann nimm nur das mit, was du tatsächlich selbst gekauft hast.
András stand mitten im Wohnzimmer. Er sah aus wie ein Mann, der sich auf eine große Szene vorbereitet hatte: auf Tränen, Geschrei, eine gebrochene Stimme, vielleicht sogar darauf, dass seine Frau ihn anflehen würde zu bleiben.
Stattdessen bekam er Schweigen.
Hinter ihm leuchtete der neue Fernseher sanft vor sich hin. Seine Jacke lag über der Armlehne des Sofas. Auf dem Couchtisch war der Tee längst kalt geworden, den ganzen Abend hatte er keinen einzigen Schluck davon getrunken. Eigentlich hatte er sich schon seit Stunden darauf vorbereitet, zu verkünden, dass er ein neues Leben beginnen würde.
Und Katalin hatte ihm mit einem einzigen Satz die große Szene genommen.
— Du fragst nicht einmal, wer sie ist? fragte András mit einem gezwungenen Lächeln.
— Nein.
— Auch nicht, warum ich gehe?
— Das interessiert mich nicht am meisten.
— Sondern was?
Katalin sah ihn an.
— Was du mitnimmst.
András blinzelte. Man sah ihm an, dass er mit dieser Antwort nicht gerechnet hatte.
Die Wohnung um sie herum bewahrte zehn Jahre ihres gemeinsamen Lebens. Hinter jeder Wand, jedem Möbelstück, jedem noch so kleinen Detail steckten Katalins Arbeit, ihre Zeit und ihr Geld. Sie hatte die hellen Wände ausgesucht. Das grau-beige Sofa hatte sie mit einem Firmenrabatt gekauft.
Der hohe Schrank im Flur war nach ihren Maßen angefertigt worden. Die matten Küchenfronten hatte sie stundenlang ausgesucht, während András sich nur einmal, vielleicht zwanzig Minuten lang, dazu hatte bewegen lassen, mit ihr in das Einrichtungshaus zu fahren.
Später hatte er vor Gästen trotzdem so getan, als wäre die gesamte Wohnung Ausdruck seines guten Geschmacks.
Im Schlafzimmer stand das Bett mit der ordentlichen orthopädischen Matratze, für die Katalin monatelang gespart hatte, weil sie genug von dem alten, quietschenden Bett hatte, in dem sie ihre ersten gemeinsamen Jahre verbracht hatten.
Auf der Loggia standen Regale. Darauf Kartons, Dokumente und Sachen für die verschiedenen Jahreszeiten.
Das war Katalins Ordnung.
Und András hatte zehn Jahre darin gelebt, als wäre sie ein selbstverständlicher Teil seines eigenen Lebens.
— Willst du mich jetzt demütigen? fragte er bitter.
— Nein.
Katalins Stimme blieb ruhig.
— Ich will nur nicht, dass wir deine Sachen mit meinen verwechseln.
— In dieser Wohnung gehört alles uns beiden.
Katalin hob den Blick.
— Dann fangen wir mit der Wohnung an.
András’ Gesicht spannte sich an.
— Mach daraus keine Buchhaltung! Wir sind nicht an deinem Arbeitsplatz.
— Schade. Dort verstehst du wenigstens, dass Zahlen manchmal mehr sagen als Menschen.
In diesem Moment erschien Soni in der Tür.
Das junge Mädchen stand barfuß da, das Handy in der Hand, und sah unsicher zwischen ihnen hin und her. Sie wusste offenbar nicht, ob sie wieder in ihr Zimmer gehen sollte.
— Hast du jemand anderen? fragte sie leise.
András fuhr zu ihr herum.
— Misch dich nicht in die Angelegenheiten der Erwachsenen ein.
Katalins Blick wurde hart.
— Sie lebt hier. Das ist auch ihr Zuhause. Wenn jemand eine solche Situation hier hereinträgt, können wir ihr nicht sagen, sie solle nichts davon mitbekommen.
Soni senkte den Kopf.
András sprach nun wieder sanfter, als wäre er selbst der verletzte Teil.
— Katja, mach daraus keinen Zirkus. Ich bin nicht dein Feind. Ich will mich wie ein erwachsener Mensch von dir trennen. Mit Würde. Ohne Kleinlichkeit. Wir müssen doch nicht anfangen zu zählen, wer eine Gabel gekauft oder wer den Stuhl bezahlt hat …
— Die Gabeln kannst du lassen.
Katalin stand auf.
— Aber das Auto, den Fernseher, die Kaffeemaschine und die Möbel hast du wahrscheinlich schon jemandem versprochen.
András erstarrte.
Nur für einen Moment.
Aber Katalin bemerkte es.
Sie arbeitete seit fünfzehn Jahren im Vertrieb. Sie kannte diesen Augenblick, in dem jemand noch nicht ertappt war, aber im Kopf bereits zählte, wie viele Fluchtwege ihm noch blieben.
— Wovon redest du? fragte András.
— Davon, dass man normalerweise kein neues Leben ankündigt, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie man es einrichten will.
— Du bildest dir Dinge ein.
— Ich habe ein gutes Gedächtnis.
Katalin ging zur Loggia, öffnete den oberen Schrank und holte den blauen Aktenordner mit dem Druckknopfverschluss heraus.
András’ Blick blieb sofort daran hängen.
— Meinst du das ernst? lachte er nervös. — Willst du jetzt auch noch ausrechnen, wer die Glühbirnen eingeschraubt hat?
Katalin legte den Ordner auf den Tisch.
— Ich rechne nur das zusammen, was auf meinen Namen läuft und was ich bezahlt habe.
Sie öffnete ihn.
Auf dem ersten Blatt lag der Vertrag über den Verkauf ihrer Wohnung aus der Zeit vor der Ehe.
Darunter der Kontoauszug über die Überweisung.
Dann die Zahlungen für diese Wohnung.
Renovierungsrechnungen.
Die Küche.
Haushaltsgeräte.
Ratenzahlungen.
Der Autokredit.
Daten.
Beträge.
Unterschriften.
Katalins Unterschriften.
András überflog die ersten Seiten und legte sie dann wieder hin.
— Du hast das alles aufgehoben?
— Natürlich.
— Warum?
Katalin schloss für einen Moment die Augen.
— Weil Möbel schön sein können. Aber Menschen sind manchmal nur vorübergehend.
Zum ersten Mal sah sie in András’ Gesicht eine Verunsicherung, die sie sich am Tag zuvor noch nicht hätte vorstellen können.
— Ich habe auch etwas in diese Familie eingebracht.
— Was?
— Alles.
— Das ist ein sehr schönes Wort. Beim Notar wäre es allerdings besser, wenn du etwas Handfesteres dazu hättest.

András’ Gesicht wurde rot.
Soni versteckte inzwischen ihr Handy hinter dem Rücken.
András bemerkte es.
— Steck dieses Handy weg!
— Schrei sie nicht an, sagte Katalin.
— Du hetzt sie gegen mich auf!
— Ich muss niemanden gegen dich aufhetzen.
Katalins Stimme klang jetzt müde.
— Das schaffst du ganz allein.
In diesem Moment begann ihr Handy zu vibrieren.
„Tamara Ilona.“
András sah den Namen und entspannte sich sofort.
— Geh ran. Meine Mutter wird dir erklären, wie man sich vernünftig trennt.
Katalin nahm ab und schaltete auf Lautsprecher.
— Katja, begann die Schwiegermutter ohne jede Einleitung. — András hat mir alles erzählt. Stell deinen Mann nicht bloß. Wenn ihr euch trennen wollt, dann tut es anständig. Ihr müsst doch nicht jedes Sofa und jeden Löffel zählen.
Katalin lächelte bitter.
— Die Löffel zähle ich nicht, Tamara Ilona. Ich zähle die Zahlungen.
— Was ist denn der Unterschied? Ihr habt zusammen gelebt.
— Für Sie vielleicht keiner. Auf dem Papier ist der Unterschied gewaltig.
— Schon wieder diese Papiere! Ein Mann verlässt dich und du klammerst dich sofort an das Vermögen.
Katalin bekam für einen Moment einen Kloß im Hals.
Vielleicht sah es von außen tatsächlich so aus.
Vielleicht würde András allen erzählen, seine Frau sei grausam gewesen.
Vielleicht würde sogar Soni sich später nur daran erinnern, wie Katalin mit einem blauen Ordner in der Hand dastand, während ihre Ehe zerbrach.
Für einen einzigen Moment fragte sie sich:
Vielleicht sollte sie einfach alles loslassen.
Vielleicht wäre es besser, nicht zu kämpfen.
Dann lehnte sich András mit einem erleichterten Seufzer zurück.
— Siehst du? Wenigstens versteht jemand, dass wir daraus keinen Zirkus machen müssen.
Und da verstand Katalin.
Es ging ihm nicht um die Würde der Trennung.
Nicht um Frieden.
Nicht darum, sich anständig voneinander zu verabschieden.
Es ging ihm darum, irgendwie das mitzunehmen, was er bereits einer anderen Frau versprochen hatte.
Katalin richtete sich auf.
— In Ordnung.
Ihre Stimme war ruhig.
— Dann gehen wir morgen zum Notar.
Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.
— Zu welchem Notar? fragte Tamara Ilona.
— Zu Valerij Petrowitsch. András sagt, er wolle sich wie ein erwachsener Mensch trennen. Dann soll alles auch entsprechend dokumentiert werden.
Katalin legte auf.
András’ Gesicht veränderte sich.
— Willst du mich wirklich zum Notar schleppen?
— Ich schleppe dich nicht. Ich mache einen Vorschlag.
— Du bist krank.
— Nein.
Katalin sah ihn an.
— Ich bin nur nicht mehr verwirrt.
An diesem Abend ging András nicht.
Er schlug Türen zu. Im Badezimmer suchte er lange nach irgendetwas. Im Treppenhaus rauchte er eine gefühlte Ewigkeit. Er schrieb Nachrichten. Telefonierte. Dann kam er wieder herein und sah immer wieder zum Fernseher.
Als würde er nicht mehr das Gerät an der Wand sehen.
Sondern seinen Preis.
In der Nacht schlief Katalin nicht.
Sie lag nur mit geschlossenen Augen da.
Sie hörte András’ Schritte.
Dann die Tür zur Loggia.
Das Knarren des Schranks.
Das dumpfe Schieben eines Kartons.
Sie stand auf.
Im Wohnzimmer versuchte András gerade, die Kaffeemaschine hinauszutragen.
Die Kaffeemaschine, die Katalin nach einem besonders guten Quartal auf Raten gekauft hatte.
Diejenige, die András jahrelang stolz vor Gästen präsentiert hatte.
— Stell sie hin.
András zuckte zusammen.
— Ich nehme meine eigene mit.
— Sie läuft auf meinen Namen.
— Wir haben sie gemeinsam benutzt.
— Etwas zu benutzen ist nicht dasselbe wie es zu kaufen.
András’ Gesicht verzerrte sich.
— Bist du wirklich so geworden?
Katalin spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.
— Ich bin nicht jetzt so geworden.
Ihre Stimme war leise.
— Du hast es nur jetzt bemerkt.
Soni erschien in der Tür. Ihr Handy lag bereits in ihrer Hand.
András sah es.
— Bist du auch gegen mich?
— Niemand ist gegen dich, antwortete Katalin. — Es hilft dir nur niemand mehr dabei, zu lügen.
András stellte die Kaffeemaschine ab.
Hart.
— In Ordnung.
Er griff nach seiner Jacke.
— Dann sehen wir uns beim Notar.
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Soni schwieg lange.
Dann fragte sie leise:
— Tante … weinst du?
Erst da bemerkte Katalin, dass ihre Augen voller Tränen waren.
— Ich weiß es nicht.
Sie setzte sich auf das Sofa.
— Vielleicht fange ich gerade erst an.
Am nächsten Tag saß Tamara Ilona bereits im Notariat, als sie ankamen.
Aufrecht.
Mit zusammengepressten Lippen.
Sie sah aus wie jemand, der gekommen war, um Ordnung zu schaffen.
Doch Valerij Petrowitsch schaffte keine Ordnung.
Er las einfach die Dokumente.
Eins nach dem anderen.
Still.
Katalin legte die Unterlagen der Wohnung vor ihn.
Die Renovierungsrechnungen.
Die Ratenzahlungen für die Geräte.
Die Belege für den Autokredit.
Eine Weile versuchte András zu reden.
Über ihr gemeinsames Leben.
Über gemeinsame Anstrengungen.
Darüber, dass er zehn Jahre dort gewohnt hatte.
Doch nach jedem Satz kam eine weitere Frage.
— Wer hat bezahlt?
Katalin reichte den Beleg hinüber.
— Haben Sie bezahlt?
András schwieg.
— Haben Sie einen Beleg dafür?
Wieder Schweigen.
Schließlich legte Valerij Petrowitsch den Stift hin.
— Nach dem, was ich derzeit sehe, sind die Wohnung und ein erheblicher Teil der genannten Vermögensgegenstände nachweislich Eigentum von Katalin Ilona. Wenn Sie etwas anderes geltend machen möchten, bringen Sie bitte Ihre eigenen Zahlungsnachweise mit.
András senkte den Kopf.
— Also bin ich hier niemand?
— Das habe ich nicht gesagt, erwiderte der Notar. — Ich habe lediglich gesagt, dass zehn Jahre gemeinsames Wohnen allein nicht beweisen, wer was gekauft hat.
In diesem Moment begann András’ Handy zu vibrieren.
Er sah darauf.
Sofort wies er den Anruf ab.
Doch Katalin hatte den Namen bereits gesehen.
Diána.
Einige Sekunden später kam eine neue Nachricht.
Das Display leuchtete auf dem Tisch auf.
„Wann kommst du endlich? Du hast gesagt, du bringst heute das Auto und die Geräte mit.“
András schlug so heftig auf das Handy, als könnte er mit dieser Bewegung die ganze Lüge wieder begraben.
Tamara Ilona wurde blass.
— András …
Ihre Stimme war nicht mehr wütend.
Nur noch gebrochen.
— Wem hast du das alles versprochen?
András antwortete nicht.
Und in diesem Moment veränderte sich etwas endgültig.
Der seltsame, quälende Zweifel, der Katalin die ganze Nacht verfolgt hatte, verschwand.
Sie war nicht grausam.
Sie war nicht kleinlich.
Sie kämpfte nicht wegen des Geldes.
Sie wollte nur nicht länger zulassen, dass jemand das mitnahm, wofür sie zehn Jahre gearbeitet hatte.
Valerij Petrowitsch schloss den Ordner.
— Nach den Dokumenten ist die Lage eindeutig.
András lachte bitter.
— Und was soll ich jetzt machen? Mit einem einzigen Koffer gehen?
Katalin sah ihn an.
— Genau das habe ich gestern gesagt.
András hob den Kopf.
— Und was ist deiner Meinung nach meins?
Katalin nahm eine durchsichtige Dokumentenmappe heraus.
— Deine Bohrmaschine. Die alte blaue. Aus der Zeit, als du noch im Lager gearbeitet hast.
András schwieg.
— Zwei Hemden, die du in Tomsk gekauft hast und auf die du so stolz warst.
Tamara Ilona senkte den Kopf.
— Und der Koffer, den deine Mutter dir geschenkt hat.
Katalin schloss den Ordner.
— Den nehme ich dir nicht weg. Nicht einmal moralisch.
Als sie das Notariat verließen, ging András schnell voraus.
Wütend.
Mit leeren Händen.
Auf der anderen Seite des Parkplatzes stand Diána.
In einem hellen Mantel und mit einem auffälligen Schal.
Sie war gekommen wie eine Frau, die ein neues Leben abholen wollte.
Zuerst sah sie nur András an.
Dann seine Hände.
Dann den alten Koffer.
Oben ragte die blaue Bohrmaschine heraus.
Zwei Hemden hingen über András’ Arm.
Die Erwartung verschwand langsam aus Diánas Gesicht.
Katalin blieb nicht stehen.
Sie sagte nichts.
Sie empfand keinen Triumph.
Nur Müdigkeit.
Am Abend kam András zurück, um seine letzten Sachen zu holen.
Er schrie nicht.
Er stritt nicht.
Er legte die Bohrmaschine, die beiden Hemden, den Rasierer und das Ladegerät in den Koffer.
Dann stand er lange im Flur.
Als würde er auf etwas warten.
Eine Umarmung.
Eine Frage.
Einen Satz, der ihm das Gefühl zurückgeben würde, dass er noch etwas bedeutete.
Doch Katalin konnte ihm das nicht mehr geben.
— Ist das alles? fragte András.
— Das ist alles.
Er nahm den Koffer.
Drehte sich noch einmal um.
Vielleicht wollte er etwas sagen.
Aber es gab keinen Satz mehr, der ihm nach zehn Jahren zurückgeben konnte, was er in dieser Zeit zerstört hatte.
Die Tür fiel ins Schloss.
Katalin blieb lange davor stehen.
Dann ging sie durch die Wohnung.
Sie berührte die Rückenlehne des Stuhls.
Richtete die Decke im Sessel.
Strich mit der Hand über die Armlehne des Sofas.
In der Küche schaltete sie die Lampe über der Arbeitsfläche aus und ließ nur das sanfte Licht über dem Tisch brennen.
Die Wohnung war dieselbe geblieben.
Nur sie selbst war jetzt eine andere darin.
Soni kam aus ihrem Zimmer.
— Tante, soll ich dir bei etwas helfen?
Katalin lächelte.
— Nein.
Sie schwieg einen Moment.
— Bleib einfach zu Hause.
Soni nickte.
Katalin ging hinaus auf die Loggia, legte den blauen Ordner zurück in den Schrank und schloss langsam die Tür.
Stille erfüllte die Wohnung.
Aber es war nicht mehr die Stille eines verlassenen Menschen.
Es war die Stille eines Menschen, der endlich sein eigenes Leben zurückbekommen hatte.







