– Du hast die Datscha doch deinem Bruder überschrieben? Dann soll er dich jetzt gefälligst unterhalten! – erklärte ihr Mann seiner Mutter.

Familiengeschichten

– Olga, schläfst du noch?

Die Stimme ihrer Schwiegermutter klang so frisch und munter, als würde gerade eine Radiomoderatorin die Morgennachrichten verlesen.

– Ich brauche etwas Brühe. Du weißt schon, Hühnerbrühe, mit dem zweiten Kochwasser. Und die Karotte bitte nicht in Scheiben schneiden. Wie oft soll ich es noch sagen? In Streifen.

Olga schloss die Augen.

– Tamara Iljinitsch, heute ist Samstag. Wir wollten ein bisschen länger schlafen.

– Schlafen könnt ihr, wenn ihr in Rente seid. Ich bin eine kranke Frau, ich muss pünktlich essen. Und bring Mineralwasser mit. Ohne Kohlensäure. Von dem mit Kohlensäure gerät bei mir drinnen alles durcheinander wie in einer Waschmaschine.

Die Verbindung wurde unterbrochen.

Olga blieb noch einige Sekunden regungslos liegen und starrte an die Decke.

Neben ihr bewegte sich Pawel.

Am Vorabend hatte er bis Mitternacht im Theater gearbeitet. Die Vorrichtung für die Bühnenkulissen war kurz vor der Premiere stecken geblieben. Und bei solchen Pannen spielt es keine Rolle, wer müde oder krank ist oder einfach nach Hause möchte. Wenn eine mehrere hundert Kilo schwere Kulisse auf einen Schauspieler stürzt, fragt niemand, warum der Mechaniker müde war.

– Schon wieder Brühe? – fragte er heiser, ohne die Augen zu öffnen.

– Brühe, Mineralwasser und Karotten in Streifen. Angeblich verweigert ihr Körper die Karotten in Scheiben.

Pawel lächelte, wurde dann aber ernst.

– Mach dich nicht über sie lustig. Sie ist eine alte Frau.

Olga setzte sich auf.

– Eine alte Frau? Gestern ist sie drei Stunden lang mit Tante Sina über den Markt gelaufen. Ich habe sie aus dem Oberleitungsbus gesehen. Sie ist wie ein Jagdhund von Stand zu Stand gerannt und hat um einen Pullover gefeilscht. Wenn sie wirklich so krank ist, weiß ich nicht, woher sie die Kraft dafür nimmt.

Pawel antwortete nicht.

Denn er wusste, dass Olga nicht log.

In den vergangenen Jahren hatte sich so viel in ihnen angestaut, dass man es nicht mit einem einzigen Satz hätte abtun können.

Gedämpfte Diätfrikadellen. Arztbesuche. Medikamente, die Tamara von ihnen kaufen ließ und anschließend nie einnahm. Einkäufe. Putzen. Rechnungen. Reparaturen. Anrufe früh am Morgen und spät in der Nacht.

Und immer derselbe Satz:

„Ich bin eine kranke Frau.“

Olga fertigte Theaterpuppen an. Sie schnitzte Gesichter aus Holz, nähte winzige Kleider und malte die Augen. Die Puppen gehorchten ihr.

Menschen taten das nie.

Und dann war da noch das Grundstück.

Dieses Grundstück, über das sie seit Jahren sprachen, als gehörte es ihnen bereits zur Hälfte.

– Die Wohnung bekommt ihr beide, zur Hälfte. Damit bin ich gerecht – verkündete Tamara bei den Sonntagsessen und hob feierlich den Zeigefinger in Richtung Kronleuchter. – Und das Ferienhaus gehört vollständig Pawel. Ich habe es in meinem Testament festgelegt.

– Mama, wir machen das nicht wegen des Testaments …

– Ich weiß, ich weiß. Aber Ordnung muss sein. Wer sich um einen Menschen kümmert, bekommt später auch etwas von ihm. Das ist das Gesetz des Lebens.

Olga schwieg dann immer.

Denn manche Gedanken spricht man besser noch nicht aus.

Igor, Pawels älterer Bruder, war Ende der neunziger Jahre nach Deutschland gegangen. Seitdem war er größtenteils nur noch eine Stimme am Telefon.

Zwei- oder dreimal im Jahr rief er seine Mutter an.

Frohes neues Jahr.

Alles Gute zum Frauentag.

Pass auf dich auf, Mama.

Wie ist das Wetter?

Dann war das Gespräch vorbei.

Seit zehn Jahren war er nicht mehr zu Hause gewesen.

Und trotzdem sprach Tamara immer über ihn, als wäre er der wunderbarste Sohn der Welt.

„Mein Igorotschka …“

Pawel dagegen nannte sie einfach Pascha.

Pascha.

Der eine Sohn liebte aus der Ferne.

Der andere kümmerte sich aus nächster Nähe.

Und Olga und Pawel glaubten an diesen Köder, an die süße Karotte vor ihrer Nase.

Pawel ließ auf dem Grundstück einen Brunnen bohren. Kristallklares, eiskaltes Wasser schoss aus der Erde.

Er erneuerte die gesamte Elektrik, weil die alten Leitungen bereits Funken schlugen und ein einziger Kurzschluss das ganze Haus hätte niederbrennen können.

Er baute einen neuen Zaun. Gerade und stabil.

Und Olga pflanzte Rosen.

Zwanzig englische Rosen.

– Weißt du eigentlich, wie viel wir schon dafür ausgegeben haben? – fragte sie eines Tages, als sie die Rechnungen zusammenzählte. – Der Brunnen, die Leitungen, der Zaun … und die Rosen.

– Die Rosen sind deine Marotte.

– Meine Marotte hat fast so viel gekostet wie dein Brunnen.

Pawel lächelte.

– Aber irgendwann wird es unseres sein.

Olga sah ihn an.

– Bist du dir sicher?

– Mama hat es gesagt.

Olga antwortete nicht.

Ein seltsames Gefühl lag in ihr.

Als würde sie vor einer Tür stehen, deren Schlüssel jemand anderes in der Hand hielt.

Alles brach an jenem Samstag im Mai zusammen.

Die Sonne strahlte. In der Luft vermischten sich der Duft der Apfelbäume und der frisch umgegrabenen Erde. Pawel arbeitete auf dem Dach des Badehauses, während Olga bei den Rosen kniete.

Da knirschte Kies vor dem Tor.

Ein schwarzer Geländewagen fuhr auf das Grundstück.

Eine elegante Frau stieg aus, ein Tablet in der Hand. Hinter ihr kam ein Ehepaar.

Der Mann sah sich sofort um.

Nicht wie ein Besucher.

Sondern wie ein Eigentümer.

– Guten Tag! – lächelte die Frau. – Ich bin Swetlana von der Immobilienagentur Garant. Wir sind zur Besichtigung hier. Sie sind vermutlich die Mieter?

Pawel stürmte so schnell vom Dach herunter, dass er beinahe zusammen mit dem Dachmaterial heruntergefallen wäre.

– Welche Mieter?

Swetlana tippte auf ihrem Tablet herum.

– Der Eigentümer ist Nikita Igorewitsch. Wir verkaufen im Auftrag. Ein dringender Verkauf. Der Schenkungsvertrag wurde vor zwei Monaten abgeschlossen. Alle Unterlagen sind in Ordnung. Der junge Mann lebt in Deutschland und braucht Geld für die Anzahlung auf eine Wohnung.

Pawels Gesicht wurde bleich.

– Wie bitte?

Olga erhob sich langsam von den Rosen.

Die Gartenschere hielt sie noch immer in der Hand.

– Das muss ein Irrtum sein – sagte Pawel.

– Das glaube ich nicht.

Die Frau zeigte ihnen die Unterlagen.

Olga verstand nicht jedes Detail der Dokumente.

Aber ein einziges Wort verstand sie vollkommen.

„Schenkung.“

Pawel nahm sein Telefon heraus.

– Mama?

Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.

Lang.

Viel zu lang.

– Mama, hier ist eine Immobilienmaklerin. Sie sagt, du hast das Grundstück verkauft … genauer gesagt, du hast es Nikita geschenkt.

Tamaras Stimme wurde plötzlich unsicher.

– Paschenka … sei mir nicht böse. Ja. Ich habe es ihm geschenkt.

Pawel schloss die Augen.

– Wem?

– Nikituschka. Meinem Enkel. Er braucht das Geld für eine Wohnung. Du bist noch jung. Du arbeitest doch. Ihr könnt euch später etwas anderes kaufen.

Olga hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand mit der Faust gegen die Brust geschlagen.

– Mama …

– Du hast doch selbst gesagt, dass ihr das nicht wegen des Testaments macht!

Pawel schwieg lange.

Dann senkte er langsam das Telefon.

Der Kaufinteressent betrachtete inzwischen den Brunnen.

– Wirklich ein hervorragender Wasserdruck – sagte er zufrieden.

Der Mann strich über den neuen Zaun.

Als gehörte er ihm bereits.

Da verstand Olga.

Es war nicht das Grundstück, das weh tat.

Nicht das Geld.

Nicht die Rosen.

Es waren all die Jahre.

All die Morgen, an denen sie aufgestanden waren, weil Tamara angerufen hatte.

All die Wochenenden.

Die Reparaturen.

Das Geld.

Die Zeit.

Das Vertrauen.

Alles, was sie ihre Zukunft genannt hatten, war für jemand anderen längst nur noch Teil eines Handels gewesen.

Olga sah Pawel ganz ruhig an.

– Pascha.

– Ja?

– Wir haben zwei Stunden bis zur Dunkelheit.

– Was willst du tun?

– Alles abbauen.

– Olga …

– Die Pumpe. Den Boiler. Die Werkzeuge. Den Rasenmäher. Das Schweißgerät. Alles, was wir gekauft haben.

Pawel starrte noch immer auf sein Telefon.

– Und die Rosen?

Olga sah auf sie hinunter.

– Die Rosen kommen auch mit.

– Zwanzig Sträucher.

– Ich weiß.

– Das ist doch verrückt.

In Olgas Augen glänzten Tränen.

– Nein. Verrückt war nur, dass wir geglaubt haben, wir würden unsere Liebe irgendwann zurückbekommen.

In den nächsten zwei Stunden räumten sie das Grundstück aus, als würden sie vor etwas fliehen.

Pawel baute die Pumpe ab. Er nahm den Boiler herunter. Er lud die Leiter, die Motorsense, die Bohrmaschine, das Schweißgerät und jedes einzelne Werkzeug auf.

Und Olga grub.

Die Erde drang unter ihre Fingernägel.

Ihre Handflächen rissen auf.

Eine Rose nach der anderen wickelte sie die Wurzeln in feuchte Sackleinen.

Swetlana folgte ihr verzweifelt.

– Aber die Pumpe ist in der Immobilienanzeige aufgeführt!

– Mein Mann hat sie gekauft.

– Die Gartenschaukel auch!

– Die hat er selbst geschweißt.

– Aber so verändert sich der Wert der Immobilie völlig!

Olga blickte auf.

– Dann kaufen Sie sie eben extra.

– So funktioniert das nicht.

– Doch. Sie haben das Haus verkauft. Und wir nehmen mit, was uns gehört.

Swetlana seufzte.

– Das ist aber nicht gerade menschlich.

Olga sah auf die Rose in ihrer Hand.

– Nicht menschlich war, uns zwei Monate lang ins Gesicht zu lügen, während wir das Dach repariert, die Leitungen erneuert und unsere Zukunft aufgebaut haben.

Ihre Stimme zitterte.

– Wir nehmen nur mit, was wir noch mitnehmen können.

Als der Anhänger voll war, sah Olga ein letztes Mal über das Grundstück.

Auf die Apfelbäume.

Auf das Haus.

Auf die Blumenbeete.

Auf den Ort, den sie so viele Jahre für ihr eigenes Zuhause gehalten hatten.

Dann wandte sie sich ab.

Pawel fuhr nach Hause.

Lange sagte keiner von beiden ein Wort.

Am Abend rief Tamara an.

– Paschenka, kommst du morgen? Ich brauche etwas Suppe. Und Mineralwasser. Ach ja, und im Flur ist die Glühbirne kaputt. Würdest du sie auswechseln?

Pawel schloss die Augen.

– Mama.

– Ja?

– Du hast das Grundstück Nikita gegeben, richtig?

– Ja, aber …

– Dann soll er sich ab jetzt um dich kümmern.

Stille.

– Pascha, ich bin eine kranke Frau.

Pawel lachte bitter.

– Du bist nicht krank, Mama. Du weißt nur sehr gut, wie man sich auf andere verlässt.

– Wie redest du mit mir?

– So, wie ich mich jahrelang nicht getraut habe.

Er schwieg einen Moment.

– Es wird alles in Ordnung sein. Wir bestellen Lebensmittel. Wir bezahlen deine Rechnungen. Wenn nötig, rufen wir einen Krankenwagen. Ich lasse dich nicht allein.

Seine Stimme wurde ganz leise.

– Aber ich werde mein Leben nicht länger dafür hergeben, damit du mich vielleicht irgendwann auswählst.

Am anderen Ende der Leitung war Weinen zu hören.

Pawel beendete das Gespräch.

Nicht als Sieger.

Nicht aus Rache.

Sondern wie jemand, der endlich verstanden hatte, dass man eine Tür nicht deshalb schließen muss, weil man jemanden hasst, sondern weil man sonst immer wieder am selben Ort landet.

Sie ließen Tamara nicht allein.

Einmal in der Woche kauften sie für sie ein.

Sie bezahlten ihre Rechnungen.

Sie achteten darauf, dass sie ihre Medikamente hatte.

Zweimal in der Woche riefen sie an.

Aber sie sprangen nicht mehr auf jedes Wort sofort los.

Und Tamara erlebte zum ersten Mal in ihrem Leben, wie es ist, wenn jemand liebevoll in ihrem Leben bleibt, aber nicht länger zulässt, dass man ihn ausnutzt.

Einen Monat später wurde sie tatsächlich krank.

Diesmal wirklich.

Ein Krankenwagen brachte sie ins Krankenhaus.

Auf dem weißen Krankenhausbett liegend, rief sie nicht zuerst Pawel an.

Sie rief Igor an.

– Igorotschka … mir geht es schlecht. Komm nach Hause. Schick Nikita. Nur für eine Woche. Bitte.

Zwei Tage später kam eine Nachricht.

„Mama, wir können jetzt nicht kommen. Die Tickets sind zu teuer. Nikita hat die Anzahlung bereits bezahlt. Stell eine Pflegekraft ein. Wenn das Geld nicht reicht, vermiete das Zimmer. Übertreib nicht.“

Tamara starrte lange auf das Display.

Dann begann sie zu weinen.

Nicht laut.

Nur still, so wie ein Mensch weint, wenn er niemanden mehr hat, dem er die Schuld geben kann.

Als Pawel sie später besuchte, sah die Frau auf ihr Kissen.

– Ich habe ihnen das Grundstück gegeben.

– Ich weiß.

– Ich dachte, sie würden mich lieben.

Pawel setzte sich neben sie.

– Du dachtest, man könne Liebe kaufen.

Tamara fragte mit zitternder Stimme:

– Und dich?

Pawel schwieg lange.

– Ich wollte kein Geld von dir.

Tamara sah ihn an.

– Was dann?

– Eine Mutter.

Diese zwei Worte taten ihr mehr weh als jeder Vorwurf.

Im Herbst kam Tamara zu ihnen.

Auf eigenen Beinen.

In der Hand eine Mappe.

Sie blieb in der Tür stehen und sah hinein, als wäre sie zum ersten Mal hier.

Olga trat sofort zur Seite.

– Kommen Sie herein.

Tamara setzte sich.

– Ich habe mein Testament geändert.

Pawel nahm die Unterlagen.

– Die Wohnung gehört vollständig dir. Igor bekommt nichts. Nikita auch nicht.

Pawel legte das Dokument beiseite.

– Mama …

– Ich weiß.

Die Frau senkte den Kopf.

– Ich weiß, dass es darum nicht geht.

Ihre Stimme brach.

– Ich kann nicht rückgängig machen, was ich getan habe. Ich kann euch die Jahre nicht zurückgeben. Ich kann diese zwei Monate nicht auslöschen, in denen ich euch ins Gesicht gelogen habe.

Tränen liefen über ihr Gesicht.

– Ich möchte euch nur um Verzeihung bitten.

Pawel schloss die Augen.

– Warum?

– Weil ich dumm war.

Einen Augenblick herrschte Stille.

– Ich dachte, ich müsste meine Liebe demjenigen geben, der aus der Ferne schöner mit mir spricht. Demjenigen, der seltener kommt, aber bei jedem Anruf „Mama“ sagt. Ich dachte, wer in meiner Nähe ist, bleibt sowieso.

Olgas Herz zog sich zusammen.

Tamara sah sie an.

– Ich habe mich geirrt.

Dann sah sie Pawel an.

– Ich habe dich für fünfzehn Hektar … für fünfzehn hundert Quadratmeter verkauft. Und dabei dachte ich, ich würde gewinnen.

Sie lächelte, doch auf ihrem Gesicht blieb nur Schmerz.

– Was für eine dumme Frau ich war.

Olga sah sie lange an.

Der Zorn war nicht mehr in ihr.

Nicht, weil sie vergessen hatte.

Sondern weil sie ihn endlich nicht mehr brauchte.

– Kommen Sie essen – sagte sie.

Tamara sah überrascht auf.

– Du hast gekocht?

– Ja.

– Und … wie sind die Karotten?

Olga lächelte schwach.

– In Scheiben.

Tamaras Augen füllten sich mit Tränen.

– Gut.

– Gut?

– Jetzt ist es egal.

Pawel zog ihr den Stuhl zurück.

– Setz dich, Mama.

An diesem Abend saßen sie bis Mitternacht zusammen und redeten.

Nicht über das Grundstück.

Nicht über Geld.

Nicht über das Erbe.

Sondern über jene Jahre, von denen sie zu viel in Verletzung und zu wenig in Ehrlichkeit verbracht hatten.

Ein halbes Jahr später nahmen Pawel und Olga einen Kredit auf und kauften ein leeres Grundstück in einem nahegelegenen Dorf.

Dort stand kein Haus.

Es gab keinen Brunnen.

Keinen Zaun.

Nichts.

Und genau deshalb war es perfekt.

Es gehörte zu keinem Versprechen eines anderen.

Es gab keinen unausgesprochenen Handel.

Keine Zukunft, die jemand mit einer einzigen Unterschrift wieder an sich reißen konnte.

Die zwanzig Rosen, die Olga gerettet hatte, verbrachten den ganzen Winter in Töpfen auf dem Balkon.

Unglaublicherweise überlebten alle zwanzig.

Im darauffolgenden Juni begannen sie wieder zu blühen.

Auch Tamara kam.

Sie trug einen Strohhut und hatte Petunienpflanzen und einen Klappstuhl dabei.

Sie ging über das Grundstück.

– Die Veranda müsst ihr nach Osten bauen! Morgens ist dort das schönste Sonnenlicht. Und das Badehaus dorthin, zu den Birken. Olga, pflanz die Rosen entlang des Weges!

Olga nahm den Spaten.

– Gut. Aber Sie werden mit mir zusammen Unkraut jäten.

– Ich?

– Sie.

Tamara lachte.

– Natürlich werde ich!

Pawel beobachtete sie aus dem Auto.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl, auf nichts mehr warten zu müssen.

Nicht auf ein Erbe.

Nicht auf ein Versprechen.

Nicht darauf, dass irgendwann jemand seinen Wert erkennen würde.

Er baute sein eigenes Leben auf.

Mit seinen eigenen Händen.

Und als Igor im August seine Mutter anrief, weil niemand ihm zum Geburtstag gratuliert hatte, hörte Tamara ihm einfach ruhig zu.

– Mama, wie soll ich das verstehen? Du gratulierst deinem eigenen Sohn nicht? Und stimmt es, dass du die ganze Wohnung Pawel überschrieben hast?

Tamara lächelte.

– Ach, mein Igorotschka …

Gerade packte sie Pflanzen in den Kofferraum.

– Mein Sohn, fragst du mich, ob du auch mein Sohn bist?

– Ja.

– Ich dachte, du wärst nur eine Stimme am Telefon, die mich an Feiertagen anruft.

Igor schwieg.

– Und die Wohnung hat Pawel bekommen. Nicht durch ein Testament. Noch zu meinen Lebzeiten. Damit es keine Überraschungen mehr gibt.

– Ich habe auch ein Recht darauf!

Tamara lächelte.

– Natürlich hast du das. Genau so viel, wie du mir in den letzten zehn Jahren gegeben hast.

Stille.

– Mama …

– Sei mir nicht böse, ich muss jetzt gehen. Mein Sohn wartet unten. Wir bauen mit meiner Schwiegertochter das Haus. Die Rosen nehmen wir auch mit.

Sie hielt einen Moment inne.

– Weißt du, Igorotschka, ich habe endlich etwas gelernt.

– Was?

Tamara blickte aus dem Fenster.

Pawel winkte ihr von unten zu. Olga ordnete die Rosen im Auto.

– Dass man den Menschen, den man lieben soll, nicht danach auswählen darf, wie weit er entfernt ist, wie schön seine Worte klingen oder welche Versprechen er macht, sondern danach, wer bei dir bleibt, wenn du ihm nichts mehr geben kannst.

Sie legte auf.

Dann nahm sie die Blumen, schloss die Tür hinter sich und lief zu den Menschen hinunter, die sie beinahe verloren hätte, weil sie geglaubt hatte, Liebe könne den Preis eines Grundstücks haben.

Der Duft der Rosen erfüllte das Auto, und Tamara wusste nun, dass aus manchen Verlusten erst dann neues Leben entstehen kann, wenn wir endlich lernen, wen wir niemals hätten verlieren dürfen.

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