Bei der Jubiläumsfeier nannte die Schwägerin ihre Schwiegertochter vor allen eine arme graue Maus – eine Minute später trat der Bürgermeister höchstpersönlich auf sie zu.

Familiengeschichten

– Du hättest wenigstens deine Kleidung bügeln können, bevor du unter Menschen gehst.

Zhanna musterte ihre Schwägerin von Kopf bis Fuß und verzog angewidert das Gesicht.

An ihr glänzte alles. Ein langes rotes Kleid, goldene Armbänder an ihren Handgelenken, frisch gemachte Haare aus einem teuren Salon. Ihr süßes, schweres Parfüm erfüllte die gesamte Garderobe des Restaurants.

Marina antwortete nicht.

Ihr Kleid war schlicht und grau, aber sauber, sorgfältig geschnitten und saß perfekt. Sie richtete den Riemen ihrer alten Tasche und betrat den Saal.

Das Restaurant „Veranda“ schien förmlich von den Stimmen der Gäste zu summen. Vierzig Menschen, festlich gedeckte Tische, Luftballons, die von der Decke hingen. Auf der kleinen Bühne stellte ein älterer Moderator das Mikrofon ein. In der Luft vermischten sich der Duft von Salaten, frischem Brot und etwas schwer Fassbarem, Fremdem – der Duft guter Laune.

Ljudmila Borissowna feierte ihren sechzigsten Geburtstag. Sie hatte jeden eingeladen, den sie nur irgendwie einladen konnte: Verwandte, alte Freundinnen, Nachbarn aus der Datscha. Die Garderobe war voller teurer Mäntel und leichter Sakkos. Der ältere Garderobier begrüßte jeden Gast mit Namen.

Marina gab ihm ihren Mantel, bekam die Nummer und blieb dann für einen Moment vor dem Spiegel stehen.

Sie richtete ihren Kragen.

Und betrat den Lärm.

Fast jeden dort kannte sie.

Und fast jeder kannte sie.

Genauer gesagt … sie glaubten, sie zu kennen.

Still.

Bescheiden.

Sie fuhr einen alten Logan.

Sie kaufte in einfachen Geschäften ein.

Irgendwo arbeitete sie, aber wo genau und womit sie sich beschäftigte, hielt niemand für wichtig genug, danach zu fragen.

In Antons Familie war Marina längst zu einem leicht zu durchschauenden Menschen geworden.

Grau.

Bedeutungslos.

Jemand, für den immer ein Stuhl am Rand neben dem Flur frei war und dem man höchstens ein paar höfliche Fragen nach seiner Gesundheit stellte.

Marina wusste das schon lange.

Und irgendwann hatte sie auch gelernt, dass es Menschen gibt, denen man etwas erklären kann, so viel man will.

Sie verstehen einen nicht deshalb nicht, weil sie nicht zuhören.

Sondern weil sie längst entschieden haben, dass man nicht wichtig ist.

Deshalb schwieg sie lieber.

Und tat ihre Arbeit.

Anton nahm sie am Eingang vorsichtig am Arm.

– Mama freut sich, dass wir gekommen sind. Nur … kümmer dich nicht um Zhanna.

– Werde ich nicht.

Und tatsächlich wollte sie das auch nicht.

Elf Jahre in dieser Familie hatten sie gelehrt, auch dann still zu bleiben, wenn sie am liebsten schreien würde.

An diesem Morgen war sie um sechs Uhr aufgestanden.

Wie immer.

Sie hatte ihre E-Mails gelesen, auf die Nachricht des Vorarbeiters wegen der neuen Lieferung geantwortet und anschließend im Stehen einen Kaffee am Fenster getrunken.

Danach öffnete sie den Kleiderschrank und betrachtete lange das graue Kleid.

Sie hätte etwas anderes anziehen können.

Sie besaß auch Kleidung, mit der sie die ganze Tischgesellschaft hätte überraschen können.

Aber Marina hatte vor langer Zeit etwas beschlossen.

Sie wollte, dass die Menschen mit ihr sprachen und nicht mit dem, was sie trug.

Sie schloss den Schrank.

An den Kleiderbügeln hingen ihre teureren Kleider.

Sie rührte sie nicht an.

Sie zog das graue Kleid an, die einfachen Schuhe und nahm ihre alte Tasche.

Im Spiegel betrachtete sie sich nur einige Sekunden lang.

Was sie sah, gefiel ihr.

Sie wollte nicht glänzen.

Sie wollte niemanden provozieren.

Sie wollte nichts beweisen.

Am Tisch setzte man Marina an den Rand.

Neben den Flur, zwischen die Kinder und Antons schwerhörige Tante.

Zhanna bekam natürlich den Platz in der Mitte, näher bei ihrer Mutter.

So war es immer gewesen.

Und niemand stellte es infrage.

Als der erste Wein eingeschenkt wurde, begann Zhanna bereits laut zu erzählen.

– Wir haben Kostja jetzt ein neues Auto gekauft. Einen Deutschen. Ledersitze, Sitzheizung, alles, was sich gehört.

Kostja nickte und nahm sich schweigend Salat.

Wenn seine Frau in der Nähe war, sagte er nur selten etwas.

Zhanna wandte sich anschließend Anton zu.

– Ihr fahrt immer noch mit dieser Schrottkarre? Anton, das ist doch schon peinlich. Wenn jemand fragt, was dein Schwager für ein Auto fährt, und du kommst dann mit diesem elf Jahre alten Logan daher.

Anton senkte den Kopf.

Marina bestrich ruhig ihr Brot mit Butter.

– Das Auto fährt. Mir reicht es.

Zhanna lachte.

– Ihm reicht es. Manche Menschen sind eben schon glücklich, wenn sie mit wenig auskommen.

Jemand am Tisch lachte.

Marina hob den Blick nicht.

Die Kinder neben ihr schoben kleine Spielzeugautos über die Tischdecke. Marina zog den Brotkorb näher zu ihnen, damit sie ihn nicht herunterstießen.

Zhanna redete weiter über Ledersitze, Sitzheizung und Navigation.

Kostja nickte.

Die anderen hörten neidisch zu.

Marina hörte nur mit halbem Ohr hin.

Sie kannte den Preis solcher Gespräche.

Und noch besser kannte sie den Preis dafür, wenn jemand tatsächlich etwas aus dem Nichts aufbaute.

Ljudmila Borissowna stand mit einem Glas in der Hand auf.

Der Saal wurde still.

Die Musik wurde leiser.

– Danke, dass ihr gekommen seid. Kinder, Enkel, Freunde … Mit sechzig blickt man bereits zurück und fragt sich, was man großgezogen hat, was man hinter sich lässt.

Ihr Blick fiel auf ihre Tochter.

Sofort leuchtete ihr Gesicht auf.

– Meine Zhannotschka war schon immer tüchtig. Sie hat alles selbst erreicht. Ein Haus, ein Auto, ein fleißiger Ehemann …

Dann sah sie für einen Moment Marina an.

Doch ihr Blick glitt sofort weiter.

– Und Anton hat ja auch seine Frau. Ein stilles Mädchen … aber nun ja, so ist sie eben.

Wieder Gelächter.

Marina saß mit geradem Rücken da.

Sie war längst daran gewöhnt, der Satz zu sein, den man zwischen zwei Trinksprüchen schnell abhandeln konnte.

Der Abend ging weiter.

Sie lachten.

Sie tranken.

Sie erzählten von Renovierungen, Urlauben und Enkelkindern.

Jeder hatte etwas, womit er prahlen konnte.

Marina betrachtete lieber durch das Fenster die letzten Lichter des Juli-Himmels.

Niemand am Tisch fragte sie, wohin sie jeden Morgen um sieben Uhr ging.

Niemand wusste, dass es am Stadtrand eine Fabrik gab, die sie mit zwei Maschinen und einem alten Kredit aufgebaut hatte.

Zwölf Jahre zuvor waren ihr nur die Schulden ihres Vaters und eine leere Werkstatt geblieben.

Ihr Vater war gestorben, und danach stand Marina vor einem Berg unbezahlter Rechnungen.

Sie verkaufte die Werkstatt nicht.

Sie lief nicht davon.

Sie begann zu arbeiten.

Sie nahm jede Arbeit an, die sie bekommen konnte.

Nächtelang schlief sie in der Werkstatt auf einem Klappbett zwischen den Maschinen.

Sie zählte jeden einzelnen Cent.

Abends lernte sie, während sie kaum noch die Augen offen halten konnte.

Die ersten Aufträge waren fast nichts wert.

Regale.

Kleine Tische.

Die Reparatur alter Schulmöbel.

Sie selbst lud die Bretter auf.

Sie fuhr den klapprigen Lastwagen.

Wenn ein Arbeiter kündigte, suchte sie einen neuen.

Und oft bezahlte sie ihre Mitarbeiter früher als sich selbst.

Fünf Jahre dauerte es, bis der Betrieb keine Verluste mehr machte.

Heute arbeiteten mehr als hundert Menschen bei ihr.

Ihre Möbel wurden in drei umliegenden Landkreisen verkauft.

In der Fabrik kannte man sie als Marina Andrejewna.

Man respektierte sie.

Nicht, weil sie reich war.

Sondern weil alle wussten: Wenn sie sagte, dass etwas erledigt wird, dann wurde es auch erledigt.

Sie kannte die Namen ihrer Mitarbeiter.

Sie wusste, wie viele Kinder jeder hatte.

Sie wusste, wer einen kranken Elternteil zu Hause hatte.

Und wenn jemand Hilfe brauchte, fragte sie nicht, ob er sie verdiente.

Sie half.

Der Familie ihres Mannes erzählte sie davon nichts.

Einmal hatte sie es versucht.

Zhanna hatte damals nur abgewinkt.

Als würde Marina mit etwas völlig Belanglosem prahlen.

Danach versuchte sie es nicht mehr.

Es tat ihr nicht weh.

Ihre Welt war nicht hier.

Ihre Welt war die Fabrik.

Dort zählte ihre Arbeit.

Dort wussten die Menschen, wer sie war.

Und dort interessierte es niemanden, in welcher Kleidung sie zur Arbeit kam.

Auch ihr Geld gab sie still aus.

Drei Jahre zuvor hatte sich die Stadtverwaltung an sie gewandt.

Der Park in der Sadovaja-Straße war völlig heruntergekommen.

Die Bänke waren verfault, die Gehwege abgesackt und die Laternen funktionierten seit Monaten nicht mehr.

Die Stadt hatte kein Geld.

Man bat Marina, wenigstens mit Material zu helfen.

Sie gab weit mehr.

Sie investierte ihr eigenes Geld.

Neue Gehwege wurden angelegt.

Beleuchtung.

Ein Spielplatz.

Bänke aus ihrer eigenen Fabrik.

Die Arbeiter kamen sogar samstags.

Und Marina stand zwischen ihnen in einem einfachen Mantel und beobachtete, wie sich der gesamte Park langsam veränderte.

Sie verlangte keine Tafel.

Sie verlangte keinen symbolischen Banddurchschnitt.

Sie verlangte kein Foto.

Sie bat darum, ihren Namen nirgendwo zu erwähnen.

Später erreichte sie auch die Kinderstation des dritten Krankenhauses.

Alte Betten.

Ein undichtes Dach.

Zu wenige medizinische Geräte.

Lange Wartelisten.

Marina bezahlte einen Teil der Renovierung und mehrere wichtige Geräte.

Sie bat nur um eines.

Ihr Name sollte nicht dort stehen.

Keine Marmortafel.

Kein Zeitungsartikel.

Kein Dank.

Nichts.

Die Stadtverwaltung wusste es.

Die Ärzte wussten es.

Auch die Mütter, deren Kinder dort lagen, wussten es.

Die Familie ihres Mannes hingegen ahnte nichts.

Und Marina mochte es so.

Denn für sie war eine gute Tat nicht dann wertvoll, wenn man dafür Applaus bekam.

Sondern wenn dadurch jemand ein leichteres Leben hatte.

Später, als das Abendessen sich langsam dem Ende zuneigte, wurde Zhanna immer lauter.

Der Wein hatte auch den letzten Rest ihrer Selbstbeherrschung gelöst.

Sie stand auf.

– Mama, sagen wir es doch ehrlich. Du hast dich heute über alle gefreut. Aber mir tut Anton leid.

Ljudmila Borissowna runzelte die Stirn.

– Wovon redest du?

– Davon, dass er so eine graue Maus geheiratet hat. Mit ihr kann man nirgendwo hingehen. Man kann sie den Leuten nicht zeigen. Sie steht in der Ecke herum wie ein geduldeter Gast.

Anton wurde rot im Gesicht.

– Zhanna, es reicht.

– Warum sollte es reichen? Ich sage doch nur die Wahrheit!

Sie blickte in die Runde.

Auch jetzt erwartete sie, dass alle lachen würden.

Dass jemand auf ihrer Seite stehen würde.

Dass sie wieder gewinnen würde.

– Alle anderen haben im Leben etwas erreicht – fuhr sie fort. – Nur diese Schwägerin ist eine arme, graue Niemandin. Kein vernünftiges Auto, kein Aussehen, kein einziger kluger Satz den ganzen Abend.

Nach diesem Satz wurde es still.

Keine peinliche Stille.

Sondern eine schwere.

Eine Stille, in der jeder plötzlich seine eigenen Gedanken hörte.

Zhanna stand immer noch.

Dann legte Marina langsam ihre Gabel hin.

Ihre Hand zitterte nicht.

Sie weinte nicht.

Sie war nicht wütend.

Vielleicht war genau das am schmerzhaftesten.

Denn ein Mensch kann nur so lange wirklich verletzt werden, wie er noch etwas von demjenigen erhofft, der ihn verletzt.

Marina hoffte schon lange auf nichts mehr.

Sie sah Anton an.

Der Mann saß mit rotem Gesicht da.

Wie immer, wenn seine Schwester sprach, schwieg er auch jetzt.

– Bist du fertig? – fragte Marina leise.

Zhanna lächelte.

– Was ist? Tut die Wahrheit weh?

Marina antwortete nicht.

Sie wartete nur.

Dann zeigte Zhanna auf ihre Tasche.

– Schau dir diese Tasche an! Hundert Jahre alt. Mit so einer Tasche würde ich nicht einmal das Haus verlassen.

Marina blickte hinunter.

Die Tasche war tatsächlich alt.

Die Ecken waren etwas abgenutzt.

Aber sie hatte sie von ihrem ersten wirklichen Gewinn gekauft, als die Fabrik noch von wenigen Aufträgen lebte.

In dieser Tasche hatte sie ihre ersten wichtigen Verträge getragen.

Mit ihr war sie zu Verhandlungen gegangen.

Mit ihr hatte sie die Unterlagen transportiert, die ihr Leben verändert hatten.

Sie wollte sie nicht ersetzen.

– Sie ist für mich bequem – sagte sie schlicht.

Jemand räusperte sich verlegen.

Auch die Kinder waren still geworden.

Die ganze Feier fühlte sich plötzlich an wie eine schlecht geschlossene Tür: Jeder spürte, dass etwas knarrte.

Marina überlegte bereits, in einer halben Stunde aufzustehen, sich zu verabschieden und nach Hause zu gehen.

Sie wollte den Abend nicht noch schlimmer machen.

Dann öffnete sich die Tür zum Saal.

Der Oberkellner trat herein, hinter ihm ein großer, grauhaariger Mann in einem dunklen Anzug.

Er ging selbstbewusst, wie jemand, der es gewohnt war, dass die Menschen zuhören, wenn er spricht.

Jemand erkannte ihn.

– Das ist der Bürgermeister. Viktor Pawlowitsch!

Ein leises Raunen ging durch den Saal.

An diesem Abend fand im Nebensaal ein Empfang der Stadt statt.

Alle dachten, der Bürgermeister sei auf dem Weg dorthin.

Doch Viktor Pawlowitsch bog plötzlich vom Weg ab.

Und ging durch den Saal.

Zhanna richtete automatisch ihre Haare.

Sie straffte die Schultern.

Das rote Kleid, die goldenen Armbänder, die perfekte Frisur schienen ihr plötzlich noch wichtiger.

Sie glaubte, er würde zu ihr kommen.

Doch der Mann ging an ihr vorbei.

Er würdigte sie keines Blickes.

Er ging bis ans andere Ende des Tisches.

Dorthin, wo Marina in ihrem grauen Kleid saß.

– Marina Andrejewna! Was für eine Überraschung. Man sagte mir, dass Sie heute hier sind, im Kreis Ihrer Familie.

Warmherzig streckte er ihr die Hand entgegen.

Marina stand auf.

Ruhig schüttelte sie ihm die Hand.

– Guten Abend, Viktor Pawlowitsch.

Der Saal verstummte.

Der Moderator schaltete die Musik vollständig aus.

Der Bürgermeister wandte sich dem Tisch zu.

– Ich bin nur für eine Minute gekommen. Ich möchte die Feier nicht stören. Aber erlauben Sie mir, ein paar Worte zu sagen.

Alle Augen waren auf ihn gerichtet.

– Kennen Sie alle den Park in der Sadovaja-Straße? Den Ort, an dem heute Familien mit kleinen Kindern spazieren gehen, an dem die Laternen leuchten und wo es einen Spielplatz gibt?

Die Menschen nickten langsam.

Natürlich kannten sie ihn.

Der Park war zu einem der schönsten der Stadt geworden.

– Diesen Park hat diese Frau renovieren lassen – sagte der Bürgermeister. – Mit ihrem eigenen Geld.

Stille.

– Sie hat die Beleuchtung bezahlt. Sie hat den Spielplatz bauen lassen. Die Bänke stammen aus ihrer Fabrik. Und als man ihr anbot, ihren Namen dort anzubringen, bat sie uns, es nicht zu tun.

Jemand seufzte.

Ljudmila Borissowna hätte beinahe ihr Glas fallen lassen.

Der Bürgermeister fuhr fort.

– Und auch die Kinderstation des dritten Krankenhauses wurde von ihr unterstützt. Die Reparatur des Daches, die Renovierung, die medizinischen Geräte. Alles still und heimlich. Ohne Kameras. Ohne eine einzige Dankesrede.

Marina senkte den Kopf.

Sie wollte das nicht hören.

Deshalb hatte sie es nicht getan.

Viktor Pawlowitsch sah ihr jedoch noch einen Moment in die Augen.

– Es gibt nur wenige Menschen wie sie in dieser Stadt. Vielleicht kann man sie an einer Hand abzählen.

Dann drückte er Marinas Hand.

– Danke, Marina Andrejewna. Im Namen der Stadt. Und auch in meinem eigenen Namen.

Der Mann nickte Ljudmila Borissowna kurz zu und ging hinaus.

Niemand bewegte sich.

Vierzig Menschen sahen Marina an.

Als würden sie sie zum ersten Mal sehen.

Zhanna stand immer noch.

In ihrem roten Kleid.

Mit dem Gold an den Handgelenken.

Ihr Mund stand leicht offen.

Das Glas zitterte in ihrer Hand.

– Ist … das wahr? – fragte Ljudmila Borissowna.

Marina setzte sich wieder.

Sie richtete den Riemen ihrer Tasche.

– Ja.

Ihre Stimme war genauso leise wie zuvor.

– Ich spreche nur nicht gern darüber.

Im Gesicht ihrer Schwiegermutter zerbrach etwas.

Elf Jahre lang hatte sie an der Stelle, an der sie jetzt einen Menschen hätte sehen müssen, nur eine leere Stelle gesehen.

Zhanna versuchte zu lachen.

– Und was ist daran so besonders? Na und? Sie hat einen Park in Ordnung gebracht.

Doch ihre Stimme brach.

Niemand lachte.

Niemand stellte sich auf ihre Seite.

Der Tisch, der noch vor wenigen Minuten über Marina gelacht hatte, wusste nun nicht, wohin er schauen sollte.

Die schwerhörige Valja-Tante verstand erst jetzt, worum es ging.

Sie beugte sich näher zu Marina.

Sie nahm ihre Hand.

– Du warst das, mein Kind? Du hast dem Krankenhaus geholfen?

Marina sah sie an.

– Mein Urenkel lag dort. Ich danke dir.

Marina drückte die Hand der alten Frau.

– Sie müssen mir nicht danken. Möge Ihr Urenkel gesund werden.

Valja-Tante bekam Tränen in die Augen.

Und dann sagte jemand leise:

– Danke.

Ein anderer ebenfalls.

Dann noch einer.

Der Tisch, der vor wenigen Minuten noch über sie gelacht hatte, wusste nun nicht, wie er sich entschuldigen sollte.

Die Gäste begannen miteinander zu flüstern.

Jemand erinnerte sich an einen alten Zeitungsartikel über den Park.

Jemand anderes sagte, er habe sich schon immer gewundert, dass nie herausgefunden worden war, wer für all das bezahlt hatte.

Eine Frau stand auf, um Marina besser sehen zu können.

Ljudmila Borissowna saß nur da.

Als wäre sie plötzlich ihrer eigenen Tochter fremd geworden.

Anton wandte sich langsam seiner Frau zu.

Er sah sie an mit einem Blick, als würde ihm gerade zum ersten Mal klar, dass er elf Jahre lang neben einem Menschen gelebt hatte, den er in Wahrheit nie versucht hatte kennenzulernen.

– Warum hast du mir das nicht erzählt? – fragte er leise. – Vom Park … vom Krankenhaus … von allem.

Marina sah ihn an.

– Habe ich.

Anton senkte den Blick.

– Früher. Mehrmals.

Der Mann wusste nichts zu antworten.

Denn er wusste, dass es stimmte.

Er erinnerte sich.

Er erinnerte sich an halbe Sätze, nach denen er nie weiter gefragt hatte.

Er erinnerte sich daran, dass Marina manchmal spät nach Hause gekommen war.

Daran, dass sie auch am Wochenende arbeitete.

Daran, dass sie am Telefon etwas regelte, während er dachte, es sei einfach „irgendeine Arbeit“.

Aber er hatte nie gefragt.

Es war einfacher gewesen zu glauben, dass sie still war.

Es war einfacher gewesen, so zu tun, als sei nichts Besonderes an ihr.

Marina stand auf.

Sie hatte es nicht eilig.

Sie wollte keine Rache.

Sie wollte nicht genießen, dass nun alle sie ansahen.

Sie wollte einfach nach Hause.

– Danke für den Abend, Ljudmila Borissowna – sagte sie. – Es war eine schöne Feier.

Dann legte sie ihr Geschenk auf den Tisch.

Einen einfachen weißen Umschlag.

Den ganzen Abend hatte ihn niemand bemerkt.

Ihre Schwiegermutter öffnete ihn später zu Hause.

Im Umschlag lag ein Gutschein für ein Sanatorium.

Genau dort, wohin sie schon seit Jahren hatte fahren wollen, aber immer gesagt hatte, es sei zu teuer, ein anderes Mal vielleicht.

Marina ging hinaus.

Im selben grauen Kleid.

In denselben einfachen Schuhen.

Mit derselben alten Tasche.

Sie ging an dem roten Kleid vorbei.

Am Gold.

An den Gästen vorbei, die nun mit gesenkten Köpfen zusahen.

Niemand rief ihr hinterher.

An der Tür holte Anton sie ein.

Vorsichtig nahm er ihre Hand.

So wie Jahre zuvor.

– Gehen wir nach Hause?

Marina sah ihn einen Moment lang an.

– Gehen wir.

Auf dem Parkplatz wartete der alte Logan.

Marina setzte sich ans Steuer.

Sie legte die Tasche auf den Beifahrersitz.

Sie drehte den Schlüssel.

Der Motor sprang beim ersten Versuch an.

So war es immer gewesen.

Hinter ihr blieb das laute Restaurant zurück.

Der Ort, an dem an einem einzigen Abend alle erfahren hatten, wer sie war.

Vor ihr lag die stille Straße.

Das Leben, dem sie niemandem etwas beweisen musste.

Anton saß neben ihr.

Lange sagte keiner von beiden etwas.

Aber diese Stille war nun anders.

Nicht schwer.

Nicht schmerzhaft.

Sondern voller Scham.

Marina fuhr und dachte an den nächsten Tag.

Am Morgen würde sie wieder in die Fabrik gehen.

Die Unterlagen prüfen.

Mit dem Vorarbeiter sprechen.

Die Kunden anrufen.

Dasselbe Leben wartete auf sie.

Nichts Wesentliches hatte sich verändert.

Vielleicht nur das, dass man sie an diesem Abend endlich gesehen hatte.

Aber ehrlich gesagt bedeutete ihr auch das nicht besonders viel.

Sie bog in Richtung Stadt ab.

Dann fuhr sie in die Sadovaja-Straße.

Die Lichter des Parks leuchteten warm.

Auf dem Spielplatz rannten noch einige Kinder herum.

Die Schaukeln bewegten sich langsam im Abendwind.

Marina verlangsamte für einen Moment.

Sie blickte auf den Park hinunter.

Sie sah darin nicht das Geld.

Sie sah nicht die Arbeit.

Sie sah nicht ihren eigenen Namen.

Sie sah nur, dass die Kinder spielten.

Dass die Lampen leuchteten.

Dass die Menschen spazieren gingen.

Und darüber lächelte sie still.

Vor ihnen sprang die Ampel auf Grün.

Marina holte tief Luft und fuhr weiter.

Denn es gibt Menschen, die ihr ganzes Leben damit verbringen, vor den Augen anderer groß zu wirken.

Und es gibt Menschen, denen es genügt, wenn die Welt ein kleines bisschen besser geworden ist, weil sie still darin gewirkt haben.

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