Der Abend des Abschlussballs in der Turnhalle der Schule war genau wie jeder andere: Von der Decke hingen Lichterketten mit warmem Licht,
die Wände waren mit schwarzen und goldenen Luftballons geschmückt, aus den Lautsprechern drang leise Musik, während die Mädchen vorsichtig ihre langen Kleider hielten, um nicht darauf zu treten.
Léna stand etwas abseits am Getränketisch und beobachtete, wie ihre Klassenkameraden lachten, Fotos machten und einander etwas zuflüsterten.
Seit Jahren wusste sie, dass es auf solchen Veranstaltungen für sie fast nie einen Platz gab.
Die Klassenkameraden hatten sich daran gewöhnt, dass sie Zielscheibe von Späßen war.
In der Schule nannten sie sie auf verschiedene Weise. Manchmal flüsterten sie leise: „Dickchen“, manchmal lachten sie laut hinter ihrem Rücken, und manchmal sagte ein Junge demonstrativ:
— Vorsicht, Léna kommt, der Boden wird gleich einbrechen.
Léna hatte schon lange gelernt, so zu tun, als würde sie es nicht hören. Zuerst tat es weh, dann verletzte es sie, und schließlich wurde sie einfach müde.
Doch zum Ball ging sie trotzdem. Denn der Abschlussball findet nur einmal im Leben statt.
Sie hatte lange nach einem Kleid gesucht und schließlich ein schlichtes, dunkelgrünes gewählt. Kein Glitzer, kein Luxus — nur gepflegte, zurückhaltende Kleidung.
Ihre Mutter half ihr, die Haare zu richten, und Léna setzte ihre gewohnten Brillen auf und sagte leise vor dem Spiegel zu sich selbst, dass sie den Abend ruhig überstehen würde.
Die Musik wechselte zu einem langsamen Lied, und der Moderator kündigte den Langsamen Tanz an.
Die Paare traten langsam auf das Parkett. Die Mädchen lächelten verlegen, die Jungen richteten ihre Jacketts, und allmählich füllte sich der Saal mit sanften Bewegungen.
Und genau in diesem Moment geschah etwas, mit dem Léna überhaupt nicht gerechnet hatte.
Artem trat zu ihr.
Der hübscheste Junge der Klasse. Groß, selbstbewusst, perfekt gekleidet in einem schwarzen Anzug.
Er war der Junge, der mit Viki zusammen war, dem beliebtesten Mädchen der Schule, das nun mit ihren Freunden in einiger Entfernung stand und die Szene scharf beobachtete.
Artem blieb vor Léna stehen und streckte ihr mit einem leichten Lächeln die Hand entgegen.
— Willst du tanzen?
Für einen Moment schien der Raum verdächtig still zu werden.
Léna verstand sofort, was vor sich ging. Sie kannte diesen Ton, diesen Blick, dieses leicht spöttische Lächeln nur zu gut, das immer einem neuen Scherz vorausging.
Hinter ihr begannen die Leute bereits zu flüstern.
— Schau, er hat sie wirklich eingeladen.
— Jetzt wird’s interessant.
Léna sah langsam zu Artem auf. Sie wusste genau, warum er sie eingeladen hatte. Doch anstatt „nein“ zu sagen, legte sie ruhig ihre Hand in seine.
— In Ordnung — sagte sie leise.
Sie gingen zur Mitte des Raumes.
Die Musik wurde lauter, und die Klassenkameraden stellten sich um das Parkett. Viele zückten ihre Handys. Die Mädchen hinter Léna sahen sich an und konnten ihr Lachen kaum zurückhalten.
Doch dann geschah etwas, das alle völlig schockierte.
Artem legte die Hand auf ihre Taille, und Léna flüsterte ihm leise zu, so dass nur er es hörte:
— Ich weiß, warum du mich zum Tanzen eingeladen hast. Du denkst, weil ich dick bin, kann ich auch nicht tanzen.
Artem lächelte leicht. Doch bevor er etwas sagen konnte…
Léna nahm langsam ihre Brille ab und legte sie auf den Tisch. Dann fuhr sie mit der Hand durch ihr Haar und ließ die dunklen Locken sanft über ihre Schultern fallen.
Und dann begann die Musik. Léna begann zu tanzen.
Zuerst verstand Artem nicht, was geschah. Aber nach ein paar Sekunden veränderte sich sein Gesichtsausdruck.
Denn Léna bewegte sich leicht und selbstbewusst, als hätte sie ihr Leben lang getanzt.
Ihre Schritte waren präzise, fließend und wunderschön. Sie verschmolz förmlich mit der Musik, führte Artem von Drehung zu Drehung, und plötzlich wurde der Tanz zu einer echten Aufführung.

Der Saal füllte sich allmählich mit leisem Raunen.
Jemand hörte auf zu lachen. Jemand ließ sein Handy fallen. Nach wenigen Sekunden war das Parkett fast völlig still. Alle starrten nur noch auf sie.
Artem versuchte nicht mehr zu scherzen. Er bemühte sich nur, Schritt zu halten, denn mit jeder Sekunde wurde deutlicher: Léna tanzte weit besser als alle anderen Anwesenden.
Als die Musik endete, legte sich für einige Sekunden Stille über den Raum.
Dann begann jemand zu klatschen. Zuerst eine Person, dann eine andere, und schließlich der ganze Saal.
Léna verbeugte sich ruhig, als wäre es eine ganz normale Aufführung, setzte dann ihre Brille wieder auf und schob sie zurück auf ihre Nase.







