Galina Petrowna lehnte die Schulter gegen den knarrenden Türrahmen und hielt den verzinkten Eimer so vorsichtig, dass der Metallbügel nicht im schweren Schweigen klirrte. Der große Hörsaal war stickig;
die Heizung lief zu stark, niemand hatte ein Fenster geöffnet, und in der Luft mischte sich die Wärme von hundert jungen Körpern mit dem süßlich-schweren Duft von Viktor Sergejewitschs teurem Parfum.
Es lag wie ein unsichtbarer Schleier über allem und nahm dem Raum die Luft zum Atmen.
Der Professor schritt vor der Tafel auf und ab, geschniegelt wie ein Pfau, der sein Gefieder präsentiert. Von Zeit zu Zeit strich er mit eleganter Selbstverständlichkeit über seine makellosen Manschetten,
rückte das Jackett zurecht und sog die Blicke der Studierenden auf wie eine selbstverständliche Huldigung. Er genoss die Stille, die Aufmerksamkeit, die Macht.
— Nun also, meine zukünftigen Preisträger — seine Stimme floss zäh wie überhitzter Honig — wenn Sie nicht imstande sind,
die Struktur dieser Gleichung zu begreifen, sollten Sie vielleicht eine… bodenständigere Laufbahn in Betracht ziehen.
Mit ausladenden Bewegungen schrieb er die Formeln an die Tafel.
Die Kreide kreischte schrill, kleine weiße Splitter sprangen ab und hinterließen zerfaserte Spuren auf dem schwarzen Grund. Galina Petrowna kniff die Augen leicht zusammen.
In der vierten Zeile, dort, wo das Integral in eine Funktion überging, war er ausgerutscht.
Ein Minuszeichen fehlte.
Ein winziger, beinahe lächerlicher Fehler — und doch einer, der die gesamte weitere Berechnung zum Einsturz bringen würde wie ein Kartenhaus.
Galina Petrowna kannte diese Welt der Zahlen. Einst, bevor ihr Leben in zwei Hälften zerbrach und sie mit einer kranken Mutter und einem Säugling in einem ungeheizten Zimmer zurückließ,
hatte sie diese Muster sogar im Traum gesehen. Damals waren Zahlen kein Hohn gewesen. Sie waren Verheißung.
— In der vierten Zeile… — sagte sie leise, mehr zur Tafel als zu den Menschen.
— Das Minus fehlt. So ergibt die weitere Rechnung keinen Sinn.
Die Stille verdichtete sich augenblicklich. Man hörte das matte Brummen des alten Projektors.
Viktor Sergejewitsch drehte sich langsam um. Sein Gesicht, eben noch von selbstzufriedener Überlegenheit erhellt, erstarrte.
— Verzeihung? — Er nahm mit bedächtiger Geste die Brille ab.
— Haben Sie etwas gesagt? Lenkt Sie der Staub an der Fußleiste von den großen Wahrheiten ab?
In den vorderen Reihen brach gedämpftes Gelächter aus. Galinas Finger, rau und rissig vom kalten Wasser und den ätzenden Reinigungsmitteln, begannen zu zittern.
Eine Welle aus Hitze und Scham stieg in ihr auf. Am liebsten hätte sie sich entschuldigt, wäre im Boden versunken, hätte sich in Luft aufgelöst.
Doch sein Blick — satt, herablassend, als betrachte er einen hartnäckigen Fleck auf dem Boden — weckte etwas in ihr, das sie längst begraben geglaubt hatte.
— In der vierten Zeile ist ein Fehler, Viktor Sergejewitsch — wiederholte sie, und ihre Stimme klang nun klarer.
— Die Variable fehlt im Nenner. Deshalb verschiebt sich die Substitution in der sechsten Zeile.
Er richtete seine Krawatte. Ein dünnes, frostiges Lächeln zog über seine Lippen.
— Ach so? Diktiert uns nun die Verwaltung die Gesetze der Physik?
— Er ließ den Blick durch den Saal schweifen, suchte Zustimmung.
— Wenn unsere „Hüterin der Reinheit“ so scharf sieht, möge sie die Rechnung doch selbst zu Ende führen. Bitte, Galina Petrowna. Erleuchten Sie uns.
Sie stellte den Eimer ab. Das Wasser schwappte leise, das Neonlicht spiegelte sich kalt auf der Oberfläche.
Jeder Schritt nach vorn hallte in ihren Ohren wie ein Donnerschlag. Sie spürte die Blicke in ihrem Rücken — spöttisch, neugierig, mitleidig.
Die Sohlen ihrer abgetragenen Schuhe waren dünn, der blaue Arbeitskittel ausgebleicht, und doch ging sie, als balanciere sie über einen unsichtbaren Abgrund.

Der Professor reichte ihr die Kreide. Seine Hand roch nach Tabak und Luxus.
— Bitte. Wir warten auf das Wunder.
Die Kreide war federleicht in ihrer Hand nach der schweren Wischstange. Sie sah auf die Tafel — und die Zahlen waren keine Feinde mehr. Sie waren alte Bekannte, die geduldig zwanzig Jahre auf sie gewartet hatten.
Zunächst schrieb sie langsam, korrigierte das fehlende Zeichen, dann immer sicherer, schneller.
Sie verbesserte nicht nur — sie führte die Rechnung auf einem kürzeren, eleganteren Weg fort, mit jener Methode, über die sie einst in der Aspirantur diskutiert hatte,
bevor das Leben ihr eine Rechnung präsentierte, die sie bezahlen musste. Die Kreide zerbröselte, weißer Staub legte sich auf ihren Kittel, doch sie nahm es kaum wahr.
Vor ihren Augen existierte nur noch die klare, unerbittliche Logik.
Als sie die letzte Zahl setzte, war es totenstill.
Viktor Sergejewitsch trat näher. Sein Gesicht war bleich wie die Kreide in ihrer Hand, eine Ader pochte sichtbar an seinem Hals.
— Woher kennen Sie diese Umformung?
— fragte er heiser.
— Das ist die Lopatin-Transformation… Sie gehört nicht zum Grundkurs.
Galina legte die Kreide behutsam ab.
— In der Bibliothek ist es abends warm und hell — sagte sie ruhig.
— Nach Ihren Konferenzen wirft man die Fachzeitschriften weg. Ich staple sie nicht nur. Ich lese sie. Nachts, wenn ich Dienst habe.
Die Studierenden hielten den Atem an. Jemand fotografierte verstohlen die Tafel.
— In der sechsten Zeile war eine Falle — fügte sie hinzu.
— Aber wenn man lange genug hinsieht, fügt sich das Muster. Wie beim Bodenwischen. Lässt man eine Ecke aus, kommt der Schmutz irgendwann wieder zum Vorschein.
Er schwieg. Seine Welt, in der er der Gott war und andere nur Beiwerk, geriet ins Wanken.
— Interessant — presste er schließlich hervor.
— Doch für die Wissenschaft ist das lediglich ein Sonderfall. Sie können an Ihre Arbeit zurückkehren.
Galina ging zu ihrem Eimer zurück. Der Metallgriff drückte vertraut in ihre Handfläche. Sie empfand keinen Triumph. Nur eine tiefe, lähmende Müdigkeit. Und eine stille, schmerzliche Trauer um die Frau, die sie hätte werden können.
Am Abend, als sie die Schlüssel abgab, holte die aus der Hauptstadt angereiste Doktorin sie ein.
— Galina Petrowna, bitte warten Sie! — sagte sie außer Atem. — Ich habe Ihre Rechnung gesehen. Das ist… genial. Wo sind Ihre Hefte?
— Zu Hause. Im Schrank, unter alten Zeitungen. Zwanzig Jahre Arbeit. Die Nächte sind lang. Zahlen lügen nicht. Sie sind ehrlicher als Menschen.
— Wir müssen über Ihre Zukunft sprechen.
Galina betrachtete ihre Hände, in deren Haut sich graue Spuren eingegraben hatten.
— Meine Tochter bewirbt sich dieses Jahr. Für einen kostenpflichtigen Studienplatz. Der Preis ist so hoch wie ein Flugzeugflügel. Wenn Sie ihr helfen, gebe ich Ihnen alle meine Aufzeichnungen. Ich selbst bin längst abgeflogen.
— Wir helfen Ihnen beiden — sagte die Frau mit fester Stimme.
Am nächsten Tag grüßte Viktor Sergejewitsch sie zum ersten Mal zuerst. Auf der Tafel leuchtete noch immer Galinas Berechnung; niemand wagte, sie zu löschen. Und als Galina mit ihrem Eimer daran vorbeiging,
ließ sie den Blick einen Moment über ihre Formeln gleiten und wusste, dass ihr Leben von nun an nicht mehr unsichtbar sein würde,
sondern greifbar wie das Gewicht der Kreide in ihrer Hand und klar wie eine Wahrheit, die sich nicht länger unter einem blauen Kittel verbergen lässt.







