Sie rief, dass ich sie weggestoßen habe, und vergaß, dass die Kamera noch läuft.

Interessant

– Wanja, beeil dich! Mein Herz… er hat mich… einfach in die Ecke geschubst!

Genau in diesem Moment drehte sich der Schlüssel im Schloss.

Bis zu diesem Augenblick herrschte in der Wohnung eine fast greifbare Stille. Perfekte, kristallklare Ruhe. Niemand war gefallen. Nichts war geschehen.

Wir befanden uns einfach in getrennten Räumen: Ich überprüfte die Strom- und Gasrechnungen am Tisch, Anna Petrowna, meine Schwiegermutter, saß im Wohnzimmer und sah fern.

Doch kaum hatte sie die Schritte ihres Sohnes im Treppenhaus gehört, begann die Vorstellung.

Ich trat in die Diele und blieb stehen.

Der Anblick hätte jeden Regisseur zu einem nationalen Theaterpreis inspiriert. Anna Petrowna lag halb auf dem Boden, das Gesicht an ein feuchtes Küchentuch gedrückt.

Neben ihr lag ein umgefallener Stuhl, der sonst immer ordentlich neben dem Schuhschrank stand. Ihr Haar war wirr, ihr Atem stockte, und in ihren Augen spiegelte sich der Schmerz der ganzen Welt.

Wanja stellte die Einkaufstaschen auf die schmutzige Fußmatte.

– Mama? Was ist passiert?

Er wurde bleich. Fünfundfünfzig, Werkstattleiter, ein Mann von harter Hand – und doch schrumpfte er im Angesicht der Tränen seiner Mutter augenblicklich zu einem verängstigten Schuljungen.

– Sie… – meine Schwiegermutter deutete zitternd mit dem Finger auf mich.

– Ich wollte nur ein bisschen Wasser… und er hat mich umgestoßen. Er sagte: „Leb in deiner eigenen Wohnung, du bist nicht mehr jung.“ Wanja, es tut so weh…

Mein Mann hob langsam den Blick zu mir. Keine Frage darin, nur Furcht und ein langsam erwachender Zorn.

– Ira? Bist du völlig verrückt geworden?

Ich schwieg. In mir war alles erstarrt. Kein Groll, kein Verteidigungsreflex. Nur eine kalte Ruhe. Ich sah den Mann an, mit dem ich siebenundzwanzig Jahre meines Lebens geteilt hatte, und dachte: War das wirklich alles?

Reichten zwei Wochen Anwesenheit seiner Mutter aus, um fast drei Jahrzehnte zu löschen?

Dabei war noch zwei Wochen zuvor alles einigermaßen normal gewesen.

Anna Petrowna war zu uns gezogen, um sich von einer Augenoperation zu erholen. Altersbedingt, Routineeingriff, nichts Besonderes. Die Ärzte hatten Ruhe verordnet, stündlich Augentropfen, keinerlei Anstrengung.

– Iratschka, ich werde bei den Tropfen vorsichtiger sein – versprach sie, als sie mit zwei riesigen Koffern im Gästezimmer einzog. – Mein Auge… ist noch nicht ganz in Ordnung.

Du hilfst mir doch, oder?

Ich half. Ich dämpfte das Essen, weil „der Magen jetzt empfindlich“ sei, tropfte die endlose Reihe an Augentropfen. Wanja pendelte zwischen Arbeit und Apotheke. Abends war er dankbar, legte den Arm um meine Schulter.

– Du bist ein Schatz, Ira. Ich weiß, meine Mutter ist schwer zu handhaben.

„Schwer“ – das war eine sanfte Umschreibung.

Am dritten Tag stellte sich heraus, dass ich den Tee falsch machte. Zu stark – „Willst du meinen Blutdruck in die Höhe treiben?“ Zu schwach – „Leitungswasser kann ich zuhause auch trinken.“

Am fünften Tag verschwanden meine Lieblingsohrringe. Später tauchten sie im Mülleimer wieder auf, in ein Bonbonpapier gewickelt.

– Ach, ich dachte, es sei wertloser Plunder – sagte sie und breitete die Hände aus.

– Da lag es doch auf dem Tisch.

Wanja seufzte nur. – Ira, sie sieht schlecht. Fang nicht an.

Ich fing nicht an. Ich beobachtete.

Ich beobachtete, wie die „fast blinde“ Anna Petrowna mühelos einen Faden durch die Nadel zog, wenn sie glaubte, niemand sähe es.

Wie sie mit dem Stock taumelte, wenn sich die Tür öffnete, aber problemlos in die Küche ging, um sich Süßigkeiten zu holen, wenn sie allein war.

Aber meinem Mann etwas zu erklären, wäre sinnlos gewesen. Er sah, was er sehen wollte: seine hilfsbedürftige, pflegebedürftige Mutter. Ich aber verwandelte mich langsam in die böse, ungeduldige Ehefrau.

Gestern Abend hörte ich sie beim Telefonieren mit einer Freundin. Die Tür stand einen Spalt offen.

– Ach, Ljusja, ich halte das aus. Ich muss nur Wanja vorbereiten. Die Wohnung ist groß, drei Zimmer.

Wozu brauchen die beiden so viel Platz? Meine Wohnung könnte man vermieten, das Geld den Enkeln geben… oder einfacher: diese Irina ein bisschen beiseite schieben.

Sie wird schon von selbst gehen.

Da verstand ich: Das war kein Ausraster. Es war ein strategischer Plan.

Ich bereitete mich vor.

Heute Morgen wollte eine unserer Schwiegertöchter mit dem Enkelkind vorbeikommen, doch das Kind war krank, die Fahrt fiel aus.

Ich nahm dennoch das Babyphone nicht vom Regal – diese kleine weiße Kamera, die sie zuletzt hier gelassen hatten.

Versteckt zwischen den Büchern, bei den Krimis. Anna Petrowna bemerkte das rote Lämpchen nicht, und ich hatte es seit einer Woche mit schwarzem Klebeband abgeklebt.

Ich schaltete sie am Morgen ein. Ich wusste, dass heute etwas passieren würde.

Und nun stand ich hier, in der Diele, der billigen Dramatik gegenüber.

Wanja half seiner Mutter aufzustehen.

– Ruhig, Mama. Wir rufen einen Arzt. Wo tut es weh?

– Mir schwindelt… – stöhnte sie und lehnte sich schwer auf seinen Arm. – Sie hat es absichtlich getan! Ich habe es ihr gesagt, und sie hat mich umgestoßen!

Wanja sah mich an. Sein Gesicht war grau, fremd.

– Warum schweigst du? – seine Stimme war heiser. – Weißt du, was du getan hast? Das ist ein Verbrechen, Ira! Du hast eine alte Frau geschlagen! Meine Mutter!

– Ich war nicht dabei – sagte ich leise.

– Lüg nicht! – kreischte sie, dann begann sie sofort wieder zu jammern. – Wasser… mein Herz…

Die Luft war gespannt. Anna Petrowna blieb regungslos neben ihrem Sohn, wartete. Wartete auf das Schreien, das Drama, das Chaos, in dem sie immer siegte.

Langsam holte ich mein Handy hervor.

– Wanja, bevor du irgendjemanden rufst – sah ich ihm in die Augen –, schau dir eine kurze Aufnahme an.

– Welche Aufnahme? – schrie er.

– Kein Spiel. Kamera. Auf dem Regal. 18:42 Uhr. Drei Minuten vor deiner Ankunft.

Seine Mutter verstummte. Sie sah zur Seite – in ihren Augen lag nicht Schmerz, sondern Wut und berechnende Kälte.

– Schau – startete ich das Video.

Auf dem Bildschirm war alles klar zu sehen. Jeder Riss, jede Bewegung, kein Detail blieb verborgen.

Anna Petrowna betrat zielstrebig das Bild. Sie richtete ihr Haar im Spiegel, sah auf die Uhr. Sie stieß einen Stuhl um – laut krachend fiel er um.

Grimassenhaft verzog sie das Gesicht, spritzte sich Wasser ins Gesicht, auf die Bluse, ins Haar.

Am Ende wandte sie sich der Kamera zu und lächelte – kalt, räuberisch:

– Gleich kommt Wanja, und du fliegst hier raus. Diese Wohnung gehört uns.

Das Bild wurde dunkel.

Wanja trat langsam zurück. Er ließ seine Mutter los.

– Kannst du laufen? – fragte er leise.

– Das ist gefälscht! – kreischte sie. – Heutzutage kann man alles manipulieren!

– Du trägst doch die Bluse von gestern. Und die Uhr stimmt auch – antwortete er müde.

– Du hast mich vertrieben! – wechselte sie sofort in den Angriff und sprang plötzlich sehr flink auf. – Ich wollte nur, dass du siehst, wie schlecht es mir hier geht!

– Genug – hob Wanja die Hand. – Ira, ruf ein Taxi.

– Einen Arzt? – zischte seine Mutter.

– Taxi. Zum Bahnhof.

Als die Tür endgültig hinter ihr ins Schloss fiel, kehrte die Stille in die Wohnung zurück.

Wanja setzte sich mir gegenüber. Alt wirkte er.

– Verzeih mir – sagte er.

– Du bist nicht dumm. Nur zu gutmütig.

– Und jetzt?

– Jetzt bist du endlich wieder mein Mann.

Das Wasser kochte. Den Tee tranken wir schweigend.

Und zum ersten Mal seit zwei Wochen war niemandem etwas zu stark, zu schwach, zu heiß.

Es war einfach normal.

Wie unser Leben, das wir mit einer kleinen schwarzen Linse beschützen konnten.

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