— Dawson, hast du dort etwa geschlafen? — Die Stimme des Werksleiters Andrej Wiktorowitsch schlug wie eine peitschende Kälte durch die Ohren.
— In zehn Minuten kommen die Deutschen in den Sitzungssaal. Kein Staubkorn darf bleiben!
Ksenija richtete sich stumm auf. Sie hatte sich längst daran gewöhnt, unsichtbar zu sein.
Niemand in diesem Werk ahnte, dass unter dem blauen Arbeitskittel eine Frau stand, die einst Goethe im Original gelesen und eine Karriere als internationale Juristin geplant hatte.
Das Leben hatte jedoch grausam zugeschlagen: Herzinfarkt der Mutter, Rollstuhl, Rechnungen für die Reha, die alles verschlungen hatten — Wohnung, Träume, Hoffnungen.
Jetzt lag das Deutsch nur noch wie Staub in ihrem Gedächtnis, verdrängt von Schichtplänen und Routine.
Im Sitzungssaal war es stickig. Auf dem polierten Tisch, den Ksenija eben noch auf Hochglanz gewienert hatte, lag eine Mappe. Ledergebunden, teuer.
Das erste Blatt war in winziger Schrift beschrieben, in einer Sprache, die sie seit Jahren nicht mehr gesprochen hatte.
„Vertrag über die Übertragung von Anteilen…“
— Die Buchstaben fügten sich von selbst zu Sinn. Ksenija hielt inne, die Augen über die Zeilen wandernd.
Das war nicht nur ein Vertrag. Das war ein Todesurteil für das Werk. Andrej Wiktorowitsch Kotow zog systematisch die Vermögenswerte ab, ließ den Investoren nur leere Hüllen und riesige Lohnschulden für die Arbeiter.
— Was suchst du, Dawson? Bekannte Buchstaben?
— Kotow betrat den Raum, selbstgefällig seinen Krawattenknoten richtend. Hinter ihm schlurfte der Chefingenieur Sergij Petrowitsch.
Ksenija konnte keinen Schritt zurück machen. Sie hob den Kopf, und für einen Moment blitzte in ihren Augen der Stolz auf, den sie längst begraben zu haben glaubte.
— Hier ist ein Fehler, Andrej Wiktorowitsch. Punkt zwölf.
Bei der ersten verspäteten Zahlung verlieren die Deutschen das Kontrollrecht. Sie unterschreiben ein Dokument, das ihnen erlaubt, Sie in einem Monat hinauszuwerfen.
Kotow erstarrte. Sein Gesicht färbte sich langsam krankhaft purpurrot.
Er sah den Ingenieur an, dann brach sein bitteres, höhnisches Lachen im stillen Saal aus.
— Hast du das gehört, Petrowitsch?
Jetzt ist unsere Putzfrau ein Experte für internationales Recht! Sieh sie dir an! Kittel voller Flecken, Eimer in der Hand, und sie gibt Ratschläge!
Er trat dicht an Ksenija heran, der Duft von teurem Parfum und Cognac hüllte sie ein.
— Na, wenn du so schlau bist — lachte der Direktor — übersetze es! Wenn bis morgen acht Uhr früh keine vollständige Analyse mit deinen „Korrekturen“ auf meinem Tisch liegt, kannst du Inventar abgeben und betteln gehen.
Deine Mutter wird nicht ewig von leerer Suppe leben!
Sergij Petrowitsch senkte beschämt den Blick. Ksenija hob stumm die Mappe auf. Sie war schwer. Wie ihr ganzes Leben.
In dieser Nacht schlief Ksenija nicht. In der Küche saß sie unter der schwachen Lampe.
Ihre Mutter stöhnte leise im Nebenzimmer im Schlaf. Vor ihr lagen der Vertrag und ein alter, abgenutzter Studentenduden.
Sie arbeitete wie besessen. Jeder Satz, jede juristische Finesse ergab plötzlich Sinn. Sie sah, wie Kotow nicht nur sich, sondern Hunderte von Menschen in den Werkshallen hintergangen hatte.
Er hatte „tote“ Kredite in den Berichten versteckt.
Am Morgen ging sie nicht zum Aufwischen. Sie zog ihr einzig verbliebenes Kleid an — schwarz, streng, das sie für den Fall aufgehoben hatte, dass sie zur Sozialbehörde gehen müsste.
Um acht Uhr betrat sie Kotows Büro.
— Hier ist die Übersetzung, Andrej Wiktorowitsch. Und mein Rat: Unterschreiben Sie das nicht. Da ist eine Klausel über die persönliche Haftung mit Ihrem gesamten Vermögen.
Kotow warf nicht einmal einen Blick auf die Papiere. Langsam blies er den Rauch seiner teuren Zigarette aus.
— Geh und wisch die Böden, Beraterin. Ich habe Sie nur deshalb noch nicht gefeuert, weil morgen sonst niemand die Leiter poliert. Du bist frei.

Am nächsten Tag kam die Delegation. Angeführt von Herrn Schneider, dessen Gesicht aus Granit gemeißelt schien.
Die Verhandlungen fanden hinter verschlossenen Türen statt, doch Ksenija, die methodisch die Sockelleisten im Flur abwischte, hörte, wie Kotows Stimme immer höher und schriller wurde.
Plötzlich öffnete sich die Tür. Schneider trat heraus, in der Hand die Blätter, die Ksenija in der Nacht erstellt hatte.
— Wer hat das geschrieben?
— fragte er, die Anwesenden prüfend. Der offizielle Übersetzer des Werks stammelte. — Wer hat das gemacht?
Kotow folgte, verschwitzt und verunsichert.
— Das ist Müll, Herr Schneider! Eine Putzfrau hat sich gespielt… Ich werde sie sofort feuern!
Schneider hob die Hand. Er ging zu Ksenija, die den Mopp in der Hand hielt.
— Sie? — fragte er auf Russisch, mit starkem Akzent.
— Ja, — antwortete Ksenija fehlerfrei auf Deutsch.
— Und an Ihrer Stelle würde ich auf das Audit der Forderungen im Anhang vier achten. Die Zahlen stimmen nicht mit der Realität überein.
Kotow zuckte, sein Gesicht verzerrte sich. Er machte eine Bewegung, als wollte er zuschlagen, doch Schneider fing seine Hand ab.
— Genug — sagte der Deutsche kalt.
— Wir haben vermutet, dass man uns täuschen will. Doch diese technische Analyse bestätigte unsere schlimmsten Befürchtungen. Herr Kotow, unsere Anwälte bereiten bereits eine Klage vor. Sie verlieren nicht nur den Deal. Sie verlieren alles.
Er wandte sich Ksenija zu, sah lange auf ihre groben, rissigen Hände, verhärtet vom Wasser.
— Wir brauchen jemanden, der dieses Werk von innen kennt und unsere Gesetze versteht. Sind Sie bereit, mit uns zu arbeiten? Wir brauchen eine ehrliche rechtliche Prüfung.
Ksenija sah Kotow an. Er stand da, die Schulter an den Türrahmen gedrückt, seine Macht war verschwunden. Nur Angst spiegelte sich in seinen Augen.
— Ich bin einverstanden, — sagte sie leise.
Eine Woche verging. Im Büro des Direktors war es still. Ksenija saß an dem Tisch, auf den Kotow vor einer Woche die Papiere geworfen hatte. Sie trug nun einen neuen Anzug, bezahlt aus ihrem Vorschuss.
An der Tür klopfte es zaghaft. Es war Sergij Petrowitsch, der Chefingenieur.
— Ksenija… Pawlowna — stotterte er. — Kotow ist hier, um seine Sachen abzuholen. Die Wachen lassen ihn ohne Ihre Erlaubnis nicht rein.
Ksenija trat in den Flur. Kotow stand vor dem Aufzug, eine Pappschachtel in der Hand. Darin lagen einige kleine Statuen, ein eingerahmtes Diplom und eine angebrochene Flasche Cognac.
Er schien um zehn Jahre gealtert. Sein Bart war grau, der teure Anzug hing schlaff an ihm.
Er sah sie an — nicht wütend, nur mit einer stumpfen Resignation.
— Du hast übersetzt — sagte er heiser. — Zufrieden?
— Ich wollte nur, dass das Werk läuft, Andrej Wiktorowitsch, — antwortete Ksenija. — Dass die Menschen ihre Löhne bekommen. Nicht Sie die Boni auf deren Kosten.
Sie nickte den Wachen zu. Sie räumten den Weg. Kotow stieg in den Aufzug, und die Türen schlossen sich langsam, trennten ihn von der Welt, in der er gewohnt war, Herr zu sein.
Ksenija kehrte ins Büro zurück. Sie trat ans Fenster und blickte hinunter auf den Werksplatz. Dort stand die neue Putzfrau — ein junges Mädchen im gleichen blauen Kittel, das den Mopp unsicher über den Marmorboden schob.
Ksenija spürte, wie etwas, das lange in ihr zusammengedrückt gewesen war, endlich losließ. Ihre Beine wurden weich, und sie sank schwer in den Stuhl. Es war kein Sieg im Krieg. Es war nur die Rückkehr zu sich selbst.
Sie griff nach dem Telefon und wählte die Nummer zu Hause.
— Mama? Ich bin’s. Ja, alles ist gut. Morgen kommt der Arzt, der richtige, aus dem Zentrum. Mach dir keine Sorgen. Wir schaffen das. Mehr müssen wir nicht bei den Medikamenten sparen.
Ksenia legte den Hörer auf und blickte auf den Stapel Dokumente. Es gab viel Arbeit. Aber jetzt war es die Arbeit, für die es sich zu leben lohnte.







