Mein Mann erwartete, dass ich ihn anflehen würde, nicht zu seiner Ex-Frau zurückzugehen. Aber ich sagte kein Wort – ich reichte ihm einfach einen Marker und einen Karton.

Familiengeschichten

— Ich gehe zu Lena zurück — sagte Wadim, während er es nicht schaffte, mir in die Augen zu sehen. — Es tut mir leid, Katja. Dort ist das Kind, dort ist alles, was vertraut und heimisch ist. Ich habe versucht, weiterzuleben, aber ich schaffe es nicht.

Er stand mitten in unserem Wohnzimmer, in dem gemütlichen, warmen Raum, den wir erst vor drei Monaten gemeinsam hellbeige gestrichen hatten. An den Wänden waren noch überall die kleinen Spuren unseres gemeinsamen Lebens zu sehen, auf dem Regal standen die Fotos, und auf dem Sofa lag sein halb geöffneter Koffer.

Wadim trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Man sah ihm an, dass er auf etwas wartete.

Auf meine Tränen.

Auf meine Schreie.

Darauf, dass ich ihn anflehen würde zu bleiben und wieder diese erbärmliche, schmerzhafte Frage stellen würde: „Warum?“

Sogar seine Schultern hatte er angespannt, als würde er sich bereits auf meinen hysterischen Ausbruch vorbereiten.

Doch ich sah ihn einfach nur an.

Dann blickte ich auf seinen Koffer.

Und etwas Kaltes klirrte in mir.

Als wäre das letzte Teil eines Puzzles, das lange verstreut gelegen hatte, plötzlich an seinen Platz gefallen.

Ich weinte nicht.

Ich war auch nicht wütend.

Ich spürte nur eine seltsame, klingende Leere … und eine kristallklare Gewissheit darüber, was ich tun musste.

Ich drehte mich um, ging zur Abstellkammer, holte den großen leeren Karton heraus, in dem der neue Fernseher geliefert worden war, und nahm einen dicken schwarzen Filzstift aus dem Regal.

Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, drückte ich Wadim beides wortlos in die Hand.

Er sah mich an.

Dann den Karton.

Dann wieder mich.

— Was ist das?

— Ein Karton, antwortete ich ruhig. — Und ein Filzstift. Schreib darauf, wem welche Sachen gehören, damit wir später nichts verwechseln. Und pack schneller, ich habe heute Abend noch etwas vor.

Er blinzelte.

Ich sah, dass ihn meine Reaktion verletzte. Damit hatte er nicht gerechnet. Sein männlicher Stolz verlangte nach Drama. Nach Tränen. Nach Leid. Nach einem Beweis dafür, dass er noch immer der Mittelpunkt meines Lebens war.

— Katja, hörst du überhaupt, was ich sage? Ich gehe. Ich gehe zurück zu meiner Ex-Frau. Für immer.

— Ich höre dich sehr gut, Wadim. Mit meinem Gehör ist alles in Ordnung. Pack deine Sachen.

— Und das ist alles? Das ist alles, was du mir zu sagen hast? — Seine Stimme wurde lauter. — Wir haben zwei Jahre zusammengelebt! Ich dachte, du würdest wenigstens fragen, warum! Ich dachte, wir würden wie erwachsene Menschen miteinander reden!

Ein bitteres Lächeln huschte über mein Gesicht.

— Wozu sollten wir reden? Du hast deine Entscheidung getroffen. Du liebst Lena, dort ist dein Sohn. Warum sollte ich dich anflehen zu bleiben? Damit du aus Mitleid bei mir bleibst? Das brauche ich nicht. Pack deine Sachen.

— Du bist aus Stein — zischte er. — Lena hat immer gesagt, dass du kalt wie Eis bist. Bei dir sitzt anstelle eines Herzens ein Taschenrechner.

Ich hätte beinahe gelacht.

Nicht, weil es lustig war.

Sondern weil mir plötzlich alles so lächerlich vorkam.

Zwei Jahre lang hatte ich geglaubt, ich müsse um seine Liebe kämpfen.

Jetzt wollte ich nur noch, dass es endlich still um mich herum wurde.

— Wadim, lass dich nicht ablenken. Deine Hemden sind im linken Schrank, die Winterjacken im Flur. Beweg dich.

Die nächste Stunde verging in einer schweren, erdrückenden Stille.

Nur das Rascheln der Kleidung, das Klappern der Kleiderbügel und das absichtlich laute Zuschlagen der Schranktüren unterbrachen die Stille.

Mit jeder seiner Bewegungen versuchte Wadim, irgendeine Reaktion von mir zu provozieren.

Und ich saß einfach nur im Sessel.

Und sah zu.

Als würde ich die letzte Szene im Leben eines fremden Menschen betrachten.

— Die Tefal-Pfanne nehme ich mit — brummte er aus der Küche. — Meine Mutter hat sie mir zum letzten Geburtstag geschenkt.

— Nimm sie.

— Den Mixer auch.

— Den auch.

— Kommst du ohne Mixer zurecht?

— Ich kaufe mir einen neuen. Mach dir keine Sorgen um mich.

Er kam aus der Küche. In seinen Augen erschien plötzlich etwas Seltsames, Gekränktes.

— Ich sehe ja, dass du dich überhaupt nicht sorgst!

Er warf die Pfanne wütend in den Karton.

— Es ist dir wirklich alles egal? Ich gehe, unsere Familie zerbricht, und du sitzt hier und verteilst Haushaltsgeräte!

Er trat näher zu mir.

— Ich dachte, du liebst mich, Katja.

Ich sah ihn an.

— Ich habe dich geliebt.

Nach meinen Worten schien die Luft für einen Moment zu gefrieren.

— Aber du glaubst, ich war nur wegen deiner Moskauer Meldeadresse und dieser Wohnung mit dir zusammen.

— Wadim — fragte ich leise, aber mit einer Stimme, in der keine Unsicherheit mehr lag —, erinnerst du mich daran, wem diese Wohnung gehört?

Er verstummte.

Sah zu Boden.

— Meinen Eltern.

— Genau. Deinen Eltern. Und ich werde morgen früh hier ausziehen. Ich bin an meiner eigenen Adresse auf dem Land gemeldet. Deine Meldeadresse bedeutet mir also gar nichts. Noch Fragen?

— Nein.

Seine Stimme klang bitter.

— Keine Fragen.

Er ging wieder zum Packen.

Der Filzstift, den ich ihm gegeben hatte, lag noch immer unberührt auf dem Tisch.

Er beschriftete nichts.

Er warf seine Sachen einfach in den Koffer: Socken zwischen Bücher, Ladegeräte zu den Schuhen, zerknitterte Hemden.

Dann klingelte sein Telefon.

Auf dem Display erschien ein einziger Name:

Lena.

Wadim griff sofort nach dem Telefon und ging zum Fenster.

— Ja, Len … Ja, ich packe schon. Nein, sie halten mich nicht auf. Ja, ich bin bald da. Küss Antoschka von mir.

Ich wandte meinen Blick zum Fenster.

Draußen begann ein feiner Sommerregen zu fallen.

Und in diesem Augenblick zogen zwei Jahre voller Erinnerungen an meinem inneren Auge vorbei.

Seine ständigen Verspätungen.

„Ich musste zu meinem Sohn.“

Die endlosen Telefonate mit Lena.

Die Reparaturen an ihren Wasserhähnen.

Die Einkäufe.

Die Fahrten.

All die Male, in denen ich auf ihn gewartet hatte, während er für jemand anderen immer erreichbar gewesen war.

Und ich hatte all das ertragen.

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Ich dachte, es sei, weil er ein guter Vater war.

Ich dachte, es sei Anstand.

Jetzt wusste ich es besser.

Es war kein Anstand.

Es war einfach nur ein Mann, der zwischen zwei Frauen hin und her pendelte und immer dorthin ging, wo es für ihn gerade bequemer war.

Schließlich zog Wadim den Reißverschluss seines Koffers zu und schloss mit großer Mühe auch den Karton.

— Ich bin fertig.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

— Ich lasse die Schlüssel auf der Kommode im Flur. Meine Eltern kommen Ende der Woche, um die Wohnung zu kontrollieren.

— In Ordnung.

Ich stand auf.

— Ich werde die Schlüssel dem Portier geben, wenn ich gehe. Dann muss ich wenigstens deinen Eltern nicht begegnen.

— Katja …

Seine Stimme veränderte sich plötzlich.

Sie wurde sanfter.

Flehend.

Diesen Ton hasste ich am meisten.

— Sei mir nicht böse, ja? So ist es eben gekommen. Die Liebe ist vorbei. Aber … können wir wenigstens Freunde bleiben?

Ich sah ihn ehrlich überrascht an.

— Freunde?

— Ja.

— Wadim, meinst du das ernst? Warum sollte ich mit einem Mann befreundet sein wollen, der zwei Jahre lang auf zwei Stühlen saß und sich am Ende für den weicheren entschieden hat? Solche Freunde brauche ich nicht.

— Du bist gemein.

Wieder fühlte er sich verletzt.

— Lena ist viel freundlicher. Sie hat mich immer verstanden.

Ich lächelte bitter.

— Dann geh zu deiner lieben Lena. Sie wartet auf dich.

In diesem Moment klingelte es an der Tür.

Dreimal hintereinander.

Bestimmt.

Wadim sah mich an.

— Erwartest du jemanden?

— Nein. Du?

— Ich auch nicht. Lena sitzt unten mit Antoschka im Auto. Sie wäre nicht hochgekommen.

Ich ging zur Tür.

Ich öffnete sie.

Auf der Schwelle stand seine Mutter, Galina Iwanowna, mit einer riesigen Reisetasche in der Hand. Ihr Gesicht war so wütend, als würde sie persönlich mich für alle Probleme der Welt verantwortlich machen.

Hinter ihr stand mein Schwiegervater Anatoli Petrowitsch mit gesenktem Kopf.

— Na! — fuhr Galina Iwanowna mich an, schob mich beiseite und betrat die Wohnung. — Ich wusste es! Wadim, bist du immer noch hier?

Wadim eilte in den Flur.

Als er seine Eltern sah, wurde er kreidebleich.

— Mama? Papa? Was macht ihr hier? Ihr solltet doch bis Freitag auf der Datscha bleiben!

— Welche Datscha, mein Junge?! — rief seine Mutter.

Sie ging ins Wohnzimmer, sah die Koffer und Kartons und ihr Blick wurde hart.

— Die Nachbarin hat angerufen! Sie sagte, sie hätte Lena hier draußen im Auto gesehen! Willst du etwa wieder zu ihr zurück?

Wadim sah sich nervös um.

Als würde er von mir Hilfe erwarten.

Doch ich lehnte mich nur an die Wand.

Ich wollte ihn nicht mehr retten.

— Mama, beruhige dich. Ja … ich gehe zu Lena zurück. Wir versuchen es noch einmal. Wegen Antoschka.

— Wegen welchem Antoschka?!

Galina Iwanowna schlug die Hände zusammen.

— Wegen dieser Frau, die dir bei der Scheidung die Hälfte deines Vermögens abgeknöpft hat?! Die dich betrogen hat, während du zwei Jobs hattest?! Mein Sohn, bist du verrückt oder tust du nur so?

Auch Anatoli Petrowitsch mischte sich ein.

— Junge, schalte deinen Verstand ein. Katja ist eine anständige Frau. Fleißig, ruhig, hält die Wohnung sauber und nörgelt nicht an dir herum. Lena wird dich wieder völlig auslaugen.

— Ihr versteht gar nichts! — schrie Wadim.

Sein Gesicht wurde rot.

— Lena hat sich verändert! Sie hat ihre Fehler eingesehen! Und überhaupt, es ist mein Leben! Ich liebe, wen ich will!

— Ach ja?! — fiel seine Mutter ihm ins Wort. — Sie ruft dich zurück, weil ihr reicher Liebhaber sie verlassen hat! Galina aus dem dritten Stock hat uns alles erzählt. Lena ist das Geld ausgegangen, und plötzlich hat sie sich an unseren guten Wadik erinnert – mit seiner Moskauer Wohnung und seinem sicheren Gehalt!

Wadim erstarrte.

— Was?

Er sah zuerst seine Mutter und dann seinen Vater an.

— Welcher Liebhaber? Sie hat gesagt, dass sie die ganze Zeit allein gelebt hat … dass sie wegen mir geweint hat …

Für einen Moment sah er aus wie ein Kind, das gerade erkannt hatte, dass mit dem Märchen, an das es geglaubt hatte, etwas ganz und gar nicht stimmte.

— Katja! — wandte sich seine Mutter an mich. — Was machst du da? Warum hältst du ihn nicht auf? Du bist seine Frau!

Ich sah sie ruhig an.

— Galina Iwanowna, ich werde gar nichts tun. Wadim ist ein erwachsener Mann. Er hat seine Entscheidung getroffen. Ich habe ihm den Karton und den Filzstift gegeben. Er hat gepackt. Er soll gehen.

— Bist du verrückt geworden?!

Seine Mutter stürzte auf mich zu und packte mich am Arm.

— Er wird dort zugrunde gehen! Lena wird ihm die letzte Kraft aussaugen! Rede mit ihm! Du bist seine Frau!

Ich befreite meinen Arm vorsichtig aus ihrem Griff.

— Ich bin offenbar nur noch auf dem Papier seine Frau. Und ich werde keinen Mann festhalten, der mit seinen Gedanken längst im Bett einer anderen Frau liegt. Ich habe Selbstachtung.

Wadims Telefon vibrierte erneut.

Er sah auf das Display.

— Lena.

— Dann geh ran! — schrie seine Mutter. — Frag sie, wer dieser Oleg aus der Autowerkstatt ist! Frag sie, warum sie ihn verlassen hat!

Mit zitternder Hand hielt Wadim das Telefon ans Ohr.

Er nahm den Anruf an.

Irgendwie schaltete sich die Freisprecheinrichtung ein.

Lenas Stimme erfüllte den Raum.

— Vadik! Wo bleibst du? Wie lange soll ich noch warten? Antoschka hat Hunger und ist quengelig. Wann kommst du?

— Lena …

Vadims Stimme zitterte.

— Wer ist Oleg? Aus der Autowerkstatt.

Stille.

Eine so schwere Stille, dass man sie beinahe hören konnte.

Lena atmete tief ein.

— Woher weißt du …

Dann änderte sie schnell ihren Ton.

— Vadik, das ist eine alte Geschichte! Es hat nichts bedeutet! Deine Mutter hat dir bestimmt irgendwelchen Unsinn erzählt! Hör nicht auf diese alte Hexe!

Galina Iwanowna sprang auf, als hätte sie einen elektrischen Schlag bekommen.

Sie riss Wadim das Telefon aus der Hand.

— Du bist die Hexe! Verschwinde aus unserem Haus! Vadik geht nirgendwohin!

Dann beendete sie das Gespräch und warf das Telefon auf das Sofa.

— Schluss! Das Gespräch ist beendet! Vadik, zieh dich aus und pack deine Sachen wieder aus! Katja, geh in die Küche und setz Wasser für Tee auf! Wir beruhigen uns, dann besprechen wir alles.

Und in diesem Moment zerbrach etwas in mir endgültig.

Nicht schmerzhaft.

Nicht laut.

Es hörte einfach auf zu existieren.

Der letzte Faden war gerissen.

— Nein, Galina Iwanowna.

Meine Stimme war so ruhig, dass ich selbst überrascht war.

— Es wird keinen Tee geben. Und Wadim wird seine Sachen auch nicht wieder auspacken. Zumindest nicht, solange ich hier bin.

Ich ging ins Schlafzimmer.

Ich nahm meinen kleinen Koffer, den ich bereits am Morgen gepackt hatte.

Ich hatte ihn schon gepackt, als Wadim noch um das Thema herumgeredet hatte.

Damals hatte ich noch Angst.

Jetzt nicht mehr.

Ich zog meine Jacke an, band meine Schuhe zu und ging in den Flur.

Wadim sah mich an.

Seine Augen wurden groß.

— Katja … wohin gehst du?

— Weg.

— Aber … jetzt ist doch alles geklärt! Lena hat gelogen! Ich gehe nirgendwohin!

Ich sah ihm in die Augen.

— Du gehst nirgendwohin, Wadim. Ich gehe.

Ich nahm den Griff meines Koffers.

— Ich respektiere mich selbst zu sehr, um der Hauptpreis in irgendeinem Familienspiel zu sein. Klärt Lena, Oleg und deine Mutter untereinander. Ich bin raus aus dieser Geschichte.

— Katja, warte! — flehte Galina Iwanowna. — Wohin willst du mitten in der Nacht? Er ist eben ein Idiot! Verzeih ihm noch ein letztes Mal!

Ich blieb einen Moment stehen.

Ich sah sie an.

Und zum ersten Mal empfand ich keine Wut.

Nur Traurigkeit.

— Auf Wiedersehen, Galina Iwanowna. Danke für Ihre Gastfreundschaft.

Ich schob sie sanft zur Seite, öffnete die Tür und trat ins Treppenhaus.

Wadim stand im Türrahmen.

In seiner Hand hielt er noch den schwarzen Filzstift, den ich ihm wenige Stunden zuvor gegeben hatte, damit er leichter seine Sachen packen konnte.

Jetzt hielt er ihn so fest, als wäre er kein gewöhnlicher Filzstift, sondern das Letzte, was uns noch miteinander verband.

— Katja …

Ich antwortete nicht.

Ich drückte den Aufzugknopf.

— Die Schlüssel liegen beim Portier.

Die Aufzugtüren öffneten sich.

Ich trat hinein.

Und als sich die Türen langsam vor mir schlossen, fühlte ich zum ersten Mal seit zwei Jahren nicht, dass ich etwas verloren hatte, sondern dass ich endlich mich selbst zurückbekommen hatte.

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