Vitali schraubte gerade das Schild mit der Telefonnummer an das kleine Gartentor. Schwarze Buchstaben auf weißem Grund:
HAUS ZU VERKAUFEN. DRINGEND. VERHANDLUNGSBASIS.
Valentina Tichonowna hielt eine Handvoll Schrauben in der Hand.
– Nimm deine Hand weg, Mama. Sonst lasse ich noch den Schraubenzieher fallen.
Die Frau zog gehorsam ihre Hand zurück. Die Schraube setzte schief an, und Vitali fluchte mit zusammengebissenen Zähnen.
– Witya … und wo werde ich dann sein?
– Mama, fang nicht schon wieder damit an. Wir kriegen das alles hin. Ich werde dich doch nicht auf die Straße setzen.
Vom Feld her wehte der Geruch von feuchtem Stroh und Rauch in den Hof. Das Haus war bereits zweiundfünfzig Jahre alt. Valentina und Tichon hatten es selbst gebaut. Nach der Schicht setzten sie abends drei Reihen Ziegel aufeinander, den Mörtel mischten sie hinter dem Badezimmer in einem alten Trog.
Manchmal waren sie nach dem Abendessen so müde, dass sie schweigend nebeneinander saßen und nur die noch frischen Wände betrachteten.
Jetzt wollten sie das Haus für 1.900.000 verkaufen.
Der Käufer war bereits zweimal gekommen. Mit einem Maßband und seinem Sohn. Er hatte den Dachboden besichtigt, war um den Hof gegangen und hatte gegen die Wände geklopft.
Valentina Tichonowna ging langsam zum Nebengebäude und setzte sich auf das schmale Bett.
Tichon hatte dieses kleine Gebäude 1978 gebaut. Es bestand aus einem einzigen Zimmer, einem Herd, einem Fenster zum Garten und einem Schieferdach darüber. Im Sommer hatten sie hier in riesigen Waschschüsseln Marmelade gekocht, hier hatten sie Zwiebeln auf Zeitungspapier zum Trocknen ausgelegt. Im Winter hatten sie es nie geheizt. Wozu auch?
Jetzt lebte sie hier.
Seit dem zwanzigsten Mai.
Die Tür schloss nicht richtig. Der Wind vom Feld drückte sie immer wieder auf. Valentina stützte sie mit einem bronzenen Eichgewicht ab. Es wog ein Kilogramm, hatte oben einen Griff und an der Seite einen Stempel. Einunddreißig Jahre lang hatte es auf der Getreideannahmewaage gestanden. Als der Betrieb geschlossen wurde, hatte man es ihr zum Andenken gegeben.
Die Frau hielt es in der Hand.
Es war von der Sonne warm geworden. Es schien schwerer zu sein, als es tatsächlich war.
Genau so hatte sie ihr ganzes Leben lang alles gewogen.
Dann stellte sie es neben die Tür.
Im Haus ihres Sohnes brannte Licht. Hinter dem neuen Kunststofffenster ging Schanna im Frotteebademantel umher, rührte etwas in einem Topf und hielt dabei das Telefon zwischen Schulter und Ohr.
Valentina Tichonowna stellte den blauen, pfeifenden Wasserkessel auf die kleine Kochplatte.
Dann fiel ihr ein, dass die Kochplatte bereits am Mittwoch abgeschaltet worden war.
Sie musste wieder zu Klawdija.
Sie nahm den Kessel und überquerte schnell den Hof zum gegenüberliegenden Tor. Der Kessel war blau, an seinem Ausguss war ein Stück Emaille abgeplatzt, doch seine Pfeife pfiff noch immer schrill.
Sie ging so schnell, damit man sie vom Fenster ihres Sohnes aus nicht sah.
Vitali beobachtete sie von der Veranda.
Er dachte, seine Mutter könne sich wirklich nicht noch vor der ganzen Straße blamieren. Sie hatten den Strom nicht aus Bosheit abgeschaltet. Die Leitungen waren alt. Ein Kurzschluss, und das ganze Haus würde abbrennen. Das hatte er ihr schon tausendmal erklärt.
Im Frühjahr würden sie in das Kreiszentrum ziehen. Dort gäbe es andere alte Frauen, eine Apotheke, eine Arztpraxis, Geschäfte – alles in der Nähe.
Er machte alles richtig.
Und trotzdem …
Warum schleppte seine Mutter diesen Wasserkessel durch die ganze Straße?
Larisa kam am Freitag an. Einen Tag früher, als sie versprochen hatte.
Als sie durch das Tor trat, sah sie sofort das Schild.
Zehn Sekunden lang stand sie einfach nur davor.
Dann stieß sie das Tor auf und ging nicht zum Haus, sondern zum kleinen Nebengebäude, in dem Licht brannte.
– Mama.
Valentina Tichonowna drehte sich nicht sofort um.
Zuerst stellte sie den Kessel ab, wischte sich die Hände an der Schürze ab und sah erst dann ihre Tochter an.
Als hätte sie Zeit gebraucht, um das Gesicht aufzusetzen, auf dem nichts zu erkennen war.
– Larotschka … Warum hast du nicht gesagt, dass du kommst?
– Mama … Was ist das für ein Schild am Tor?
– Ach, das? Vitalik hat es aufgehängt. Zieh dich aus, mein Mädchen. Ich mache gleich Tee.
Zum Abendessen saßen sie im Haus.
Larisa erkannte es kaum wieder.
Die Wand zwischen dem großen und dem kleinen Zimmer war herausgenommen worden. Es war ein einziger großer Raum entstanden. Von der alten Kommode war nichts mehr zu sehen. An ihrer Stelle zeichnete sich ein heller Rechteck auf der Tapete ab, darüber ein einzelner Nagel.
In der Ecke stand ein riesiges, milchkaffeefarbenes Sofa. An der Wand hing ein Fernseher, so groß, als hätte man eine ganze Kinoleinwand montiert.
Schanna stellte Larisa einen Teller hin.
– Entschuldige das Chaos. Wir sind fast fertig. Wir warten nur noch auf die Vorhänge.
– Hat das viel gekostet?
Schanna lachte.
– Frag nicht. Vitalik hat einen Kredit über achthunderttausend aufgenommen.
Valentina Tichonowna saß ganz am Rand des Tisches.
Genau dort, wo früher der Salzstreuer gestanden hatte.
Sie saß nicht wirklich am Tisch, sondern schien schon ein wenig außerhalb davon zu sein.
Sie aß schnell. Auch das Brot nahm sie, als hätte sie Angst, jemand könnte sie dafür zurechtweisen.
– Mama, wohin hast du es so eilig? Bleib noch bei uns.
– Ich habe schon gegessen. Ich muss auch noch die Hühner füttern.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Vitali legte seine Gabel hin.
– Larisa, das ist mein Haus. Seit fünf Jahren gehört es mir. Mama hat es mir überschrieben. Ich habe sie nicht gezwungen.
– Ich weiß.
– Warum siehst du mich dann so an?
– Ich sehe dich überhaupt nicht irgendwie an.
– Wir haben deine Mutter seit fünf Jahren versorgt, Larisa. Und du tauchst einmal im Jahr auf und erklärst uns, wie wir leben sollen.
Schanna verschränkte die Hände.
– Wir kümmern uns seit fünf Jahren um deine Mutter, Larisa. Und du kommst einmal im Jahr und urteilst über uns.
Larisa antwortete nicht.
Denn daran war etwas Wahres.
Und auf dieser Wahrheit hatten sie ihr ganzes Leben aufgebaut.
In dieser Nacht ging Larisa in den Hof.
Im Nebengebäude brannte noch Licht.
Ihre Mutter saß im Mantel auf dem Bett und stopfte eine Socke.
– Mama. Komm mit mir. Morgen packen wir deine Sachen und ich nehme dich mit nach Hause.
– Ich gehe aus meinem eigenen Haus nirgendwohin.
Larisa schluckte schwer.
– Das ist nicht mehr dein Haus. Du hast es selbst gesagt. Du hast es Vitalik überschrieben.
Valentina Tichonowna sah auf.
Keine Tränen in ihren Augen.
Auch keine Kränkung.
Nur eine tiefe, ruhige Müdigkeit, die Larisa den Magen zusammenschnürte.
– Ich habe es ihm überschrieben – sagte die Mutter. – Schlaf, mein Mädchen. Es ist spät.
Am nächsten Morgen legte Larisa einen Umschlag auf den Tisch.
– Vierzigtausend. Für Brennholz, Kohle. Wofür du es eben brauchst.
Ihre Mutter sah ihn an.
Sie griff nicht danach.
– Nimm ihn wieder.
– Mama …
– Nimm ihn wieder, Larotschka.
– Du wirst frieren. Wenigstens das Geld musst du annehmen.
Larisas Stimme zitterte.
– Ich will nichts von dir.
– Ich habe auch einen Ölradiator mitgebracht. Er ist im Auto.
– Nimm ihn zurück.
– Warum machst du das mit mir?
– Ich mache es nicht mit dir.
Die Frau senkte den Kopf.
– Ich will nur niemandem mehr etwas schulden.
Larisa setzte sich neben sie und begann zu weinen. Kurz, wütend, hilflos.
Valentina Tichonowna sagte nichts.
Sie strich ihrer Tochter nur über den Rücken, mit ihrer trockenen Hand, derselben Hand, die einunddreißig Jahre lang das Getreide gewogen hatte.
Den Umschlag aber berührte sie nicht.
Am Nachmittag ging Larisa zu Klawdija Mironowna.
Die Nachbarin wusste alles über diesen Hof. Manchmal mehr als diejenigen, die darin lebten.
– Sie kommt zu mir – sagte sie. – Mit dem Wasserkessel. Sie wärmt das Wasser auf, wir setzen uns hin und reden. Ich sage zu ihr: Valja, nimm das Geld deiner Tochter. Was soll dieser Stolz? Aber nein. Nein und nein.
– Kommt sie oft?
– Seit dem Frühjahr jeden zweiten Tag. Mal gibt es Strom, mal nicht. Vitali sagt, die Leitungen seien gefährlich. Vielleicht hat er recht. Nur … trotzdem frieren einem Menschen die Hände.
Larisa ging nach Hause.
Sie fand ihre Mutter im Nebengebäude.
Valentina Tichonowna rieb das bronzene Eichgewicht mit einem alten Tuch und Asche ab.
Das Messing glänzte inzwischen rötlich.
– Was machst du damit, Mama?
– Ich bringe es in Ordnung.
– Wozu?
– Ich mag Ordnung.
– Wer braucht dieses alte Gewicht noch?
Valentina Tichonowna sah auf.
– Ich.
Sie legte es auf den Tisch.
– Einunddreißig Jahre lang wurde ich damit kontrolliert. Der Eichbeamte kam, legte das Normgewicht auf die Waage und beobachtete den Zeiger. Meine Waage hat kein einziges Mal gelogen.
Larisa lächelte, doch das Lächeln verschwand schnell.
– Jetzt sagst du wieder etwas …
– Das Getreide gehörte anderen – sagte die Frau. – Der Kolchose. Fremde Dinge muss man immer genauer wiegen als die eigenen.
Am Abend schaute Schanna bei ihnen vorbei.
– Valentina Tichonowna, könnten Sie dieses Metallstück nicht vom Fenster nehmen? Es nimmt das Licht weg und sieht so unordentlich aus.
Die Frau nahm das Gewicht wortlos vom Fensterbrett.
Sie steckte es in die Tasche ihrer Schürze.
Die Tasche zog die Schürze zur Seite.
So ging sie den ganzen Abend herum.
Und niemand fragte mehr nach dem Gewicht.
Schanna fühlte sich an diesem Abend unwohl.

Doch dann fand sie schnell eine Erklärung für sich.
Sie hatte die alte Frau nicht hinausgeworfen.
Die Schwiegermutter wollte selbst im Nebengebäude bleiben.
Dort war sie daran gewöhnt.
Im Haus wurde renoviert, überall Staub, Farbgeruch, Lärm. Für sie war es draußen bestimmt besser.
Sie taten alles für das Kind.
Jegor musste im Kreiszentrum zur Schule gehen, er konnte nicht jeden Morgen mit dem Bus um sieben fahren.
Und sie war eine gute Schwiegertochter.
Eine andere hätte die Schwiegermutter längst in ein Altenheim gebracht.
Der Käufer hieß Nikolai Pawlowitsch.
Am Mittwoch kam er. In einem weißen Auto, mit seinem Sohn und einem Maßband.
Sie maßen lange.
Sie besichtigten den Hof, den Dachboden, das Dach. Sie klopften gegen die Wände.
Valentina Tichonowna stand vor dem Nebengebäude und beobachtete sie.
– Und bleibt die Oma hier? – fragte Nikolai Pawlowitsch.
– Meine Mutter – antwortete Vitali. – Bis zum Frühjahr zieht sie aus. Das ist bereits geregelt.
Die Anzahlung hatte Petr, der Pate, vermittelt.
Einhunderttausend Rubel.
Vor Zeugen, in einer Tasche aus einem Zuckersack.
Valentina Tichonowna wartete, bis das weiße Auto auf der Straße verschwunden war.
Dann ging sie ins Haus, um Salz zu holen.
In der Tür blieb sie stehen.
– Einunddreißigster Dezember?
Vitali sah sie an.
– Mama, geh dich ausruhen.
– Am einunddreißigsten Dezember?
– Ja. Am einunddreißigsten Dezember. Warum?
Die Frau nickte.
– Nur so.
An diesem Abend montierte Vitali einen Riegel an die Tür des Nebengebäudes.
– Damit der Wind sie nicht mehr aufstößt.
Er montierte ihn von außen.
Valentina Tichonowna holte am Abend den Schraubenzieher hervor und versetzte ihn nach innen.
Vitali montierte ihn am nächsten Tag wieder zurück.
Danach sprachen sie nicht mehr darüber.
Jegor schrieb seiner Tante.
Er war zwölf und machte viele Fehler:
„Tante Lari, Papa hat kein Holz für Oma gehackt. Oma sammelt im Schuppen Späne. Papa hat gesagt, bis Neujahr hält sie noch durch.“
Er war zwölf Jahre alt.
Und irgendwie verstand er doch früher als die Erwachsenen, was geschah.
Am ersten Dienstag jedes Monats fuhr Valentina Tichonowna mit dem Bus ins Kreiszentrum.
Der Bus fuhr um 7:40 Uhr ab.
Mittags war sie immer zurück.
Sie brachte Brot und Hirse mit.
Wenn man sie fragte, sagte sie, sie sei beim Augenarzt gewesen.
Schanna zuckte mit den Schultern.
Alte Menschen hätten immer irgendetwas mit ihren Augen, mit dem Anstehen, mit Tropfen.
Vitali war jedes Mal zufrieden.
Er rechnete.
Von 1.900.000 den Kredit abziehen, die hunderttausend für den Vermittler, die kleine Wohnung für die Mutter – und es würde noch Geld für ein neues Auto übrig bleiben.
Er würde seine Mutter nicht im Stich lassen.
Das konnte jeder verstehen.
Er war kein schlechter Sohn.
Er brachte nur Ordnung in sein Leben.
Das machten schließlich alle.
Anfang November kamen die Vorhänge.
Schanna lud Gäste ein.
Unter der neuen Spanndecke deckten sie einen großen Tisch. Klawdija Mironowna kam mit ihrem Mann, Petr mit seiner Frau, Schannas Mutter aus dem Kreiszentrum, zwei Arbeitskollegen von Vitali.
Auch Nikolai Pawlowitsch war eingeladen.
Man musste das Haus feiern.
Das Haus, das noch gar nicht verkauft war.
Larisa war schon am Morgen angekommen.
Den ganzen Tag über war sie still.
Valentina Tichonowna setzte man an den Rand des Tisches.
Neben den Durchgang.
Sie trug ein dunkles Kleid, dasselbe, in dem sie früher zu Elternversammlungen gegangen war.
Die Schürze hatte sie jedoch auch diesmal nicht abgelegt.
Klawdija Mironowna kam spät.
In der Hand hielt sie den blauen Wasserkessel.
– Valja, bei mir stand er nur herum. Ich dachte, ich bringe ihn dir.
Vitali hob sein Glas.
– Nun … wenn schon alle hier sind. Schanna und ich haben beschlossen, das Haus im Frühjahr zu verkaufen. Wir haben viel hineingesteckt. Die Anzahlung ist da. Nikolai Pawlowitsch ist ebenfalls hier. Meine Mutter zieht in eine Wohnung im Kreiszentrum. Dort wird sie Gleichaltrige haben, einen Arzt, eine Apotheke, alles.
Die Gesellschaft nickte.
Petr sagte:
– So ist es richtig. Wozu allein am Ende der Welt sitzen?
Auch Schannas Mutter stimmte zu.
– Natürlich. Dort wird sie wenigstens Gesellschaft haben.
Valentina Tichonowna legte langsam ihre Gabel hin.
Sie sagte nichts.
Dann griff sie in ihre Schürzentasche.
Sie holte das bronzene Eichgewicht heraus.
Sie legte es mitten auf den Tisch.
Das schwere Stück schlug auf die Tischplatte.
Der Tisch erzitterte.
Die Gabeln klirrten.
Alle verstummten.
– Witya – sagte sie leise. – Du kannst dieses Haus nicht verkaufen.
Vitali lachte zuerst.
Aber niemand lachte mit ihm.
– Mama, nicht jetzt.
– Gerade jetzt.
Die Frau griff erneut in ihre Tasche.
Sie zog ein vierfach gefaltetes Blatt Papier heraus.
Langsam strich sie es auf der Tischdecke glatt.
Dann drehte sie es um.
Das blaue Siegel schimmerte im Licht des neuen Kronleuchters.
– Hier steht geschrieben – sagte sie –, womit du dieses Haus bezahlst.
Vitali beugte sich näher.
– Was?
– Nicht mit Geld.
Valentina Tichonowna sah in die Runde.
– Mit einem Dach. Mit Wärme. Mit Essen. Mit Pflege. Und damit, dass ich bis ans Ende meines Lebens hier wohnen darf.
Nikolai Pawlowitsch setzte seine Brille auf.
Er las das Papier.
Dann noch einmal.
– Das ist ein Pflege- und Unterhaltsvertrag?
– Ja.
– Ist er eingetragen?
– Ja.
– Auch im Register?
– Am fünften August wurde er eingetragen. Zweitausendzwanzig.
Larisa riss den Kopf hoch.
– Mama …
Valentina Tichonowna sah sie an.
– Deshalb bin ich am ersten Dienstag jedes Monats ins Kreiszentrum gefahren. Nicht zum Augenarzt.
Die Stille war plötzlich so tief, dass man aus der Küche das Summen des Kühlschranks hören konnte.
Petr stellte langsam sein Glas ab.
In seiner Tasche waren die hunderttausend Rubel des anderen Mannes.
Plötzlich schienen sie ihn zu verbrennen.
– Vitali – sagte er –, du hast gesagt, die Sache sei sauber.
– Ist sie auch!
– Nein, mein Junge.
Vitalis Stimme brach.
– Mama, was machst du?
– Das, was ich mir selbst versprochen habe.
– Aber ich bin dein Sohn!
Die Frau sah ihn an.
In ihrem Blick lag kein Zorn.
Vielleicht tat es gerade deshalb so weh.
– Gerade deshalb habe ich mehr von dir erwartet.
Vitalis Hand zitterte.
– Ich wollte dir nichts Böses.
– Ich weiß.
– Ich dachte, dort wäre es besser für dich.
– Ich weiß.
– Warum dann?
Valentina Tichonowna legte ihre Hand auf das bronzene Gewicht.
– Weil du mich schon einmal verkauft hast, ohne mich zu fragen, ob ich das wollte.
Schanna stand auf.
– Wissen Sie überhaupt, was Sie da tun? Wir renovieren dieses Haus seit einem halben Jahr!
– Mein Haus habt ihr renoviert.
– Aber wir haben dafür bezahlt!
– Und ich habe euch nicht darum gebeten.
Schannas Augen füllten sich mit Tränen.
– Vitalik!
Doch der Mann sah sie nicht an.
Er starrte auf das Papier.
Immer wieder las er dieselbe Zeile.
Als würde sie sich verändern, wenn er sie nur lange genug ansah.
Larisa stand auf.
– Mama … Du wusstest es seit fünf Jahren?
– Ja.
– Und du hast es auch mir nicht gesagt?
– Auch dir nicht.
– Warum?
Valentina Tichonowna strich über den Rand des Papiers.
– Weil ich nicht wollte, dass eines Tages jemand sagt: Die Tochter hat die Mutter versorgt, und der Sohn schuldet ihr nichts.
Larisa begann zu weinen.
Da sah ihre Mutter sie an.
– Ich habe mein ganzes Leben lang Getreide gewogen, Larotschka. Weißt du, was ich dabei gelernt habe?
Larisa schüttelte den Kopf.
– Dass man nichts, was noch nicht gewogen wurde, bereits verbuchen darf.
Jegor nahm in diesem Moment die Hand seines Vaters.
– Papa …
Vitali sah auf ihn hinunter.
– Was ist?
– Oma hat wirklich im Schuppen die Holzspäne gesammelt.
Vitali schloss die Augen.
Für einen Moment sah er aus wie ein Junge, der irgendwo verloren gegangen war und nicht wusste, wie er nach Hause finden sollte.
Valentina Tichonowna faltete das Papier zusammen.
Sie steckte es zurück in ihre Schürze.
Das Eichgewicht nahm sie mit beiden Händen auf den Schoß.
– Bis zum einunddreißigsten Dezember hast du Zeit.
– Wofür?
– Um zu entscheiden, was du willst.
– Und wenn ich es nicht weiß?
– Dann geben wir einander zurück, was wir gegeben haben.
Vitali sah auf.
– Was haben wir einander gegeben?
Die Frau schwieg lange.
– Ich dir zweiundfünfzig Jahre meines Lebens.
Das Gesicht des Sohnes verhärtete sich.
– Und du mir fünf Jahre von etwas, das schon nicht mehr dir gehörte.
Niemand sagte etwas.
Nikolai Pawlowitsch ging noch am selben Abend.
Am Montag schickte er seinen Sohn, um die Anzahlung zurückzuholen.
Petr brachte das Geld in demselben Zuckersack hinaus, in dem er es gebracht hatte.
Lange erklärte er sich.
Dass er von nichts gewusst habe.
Dass auch er getäuscht worden sei.
Dass er nur vermittelt habe.
Valentina Tichonowna hörte ihm von der anderen Seite des Zauns aus zu.
– Petja – sagte sie schließlich. – Rechne deine Provision auch noch nicht mit ein.
Petr sah sie an.
– Wann soll ich sie berechnen?
– Wenn du sie verdient hast.
Schanna begann am Dienstag zu packen.
Das milchkaffeefarbene Ecksofa passte nicht durch die Tür.
Weder seitlich noch hochkant.
Schließlich zersägten sie es im Hof.
Die ganze Straße hörte Schannas Geschrei.
Vitali kam jeden Tag.
Er setzte sich auf einen kleinen Hocker im Nebengebäude.
– Mama … Was soll ich jetzt mit dem Kredit machen?
– Arbeiten.
– Wohin soll ich gehen?
– Vorwärts.
– Ich wollte dir nichts Böses.
– Ich weiß.
– Ich dachte wirklich, dass es dir dort besser gehen würde.
– Das weiß ich auch.
– Warum hast du es mir dann nicht gesagt?
Valentina Tichonowna sah ihn an.
– Weil ich einmal wollte, dass du es von selbst bemerkst.
Vitali senkte den Kopf.
Er saß lange da.
Dann stand er auf und ging hinaus.
Am nächsten Tag brachte er den Riegel an der Tür wieder an.
Er entfernte die Schrauben.
Die Löcher spachtelte er mit weißem Kitt zu.
Mit dem Daumen strich er darüber und wischte sich anschließend die Hand an der Hose ab.
Am dreiundzwanzigsten Dezember unterschrieben sie die Rückübertragung.
Im Amt, über der Sparkasse.
Valentina Tichonowna unterschrieb in ihrer schulmäßigen Handschrift, mit derselben geschwungenen Unterschrift, mit der sie einunddreißig Jahre lang die Lohnabrechnungen unterschrieben hatte.
Auch Vitali unterschrieb.
Danach saß er noch lange dort.
Der Beamte wollte schon beinahe fragen, ob er etwas brauche, als Vitali endlich aufstand.
Die Renovierung blieb im Haus.
Die Kunststofffenster.
Die Spanndecke.
Der Laminatboden.
– Wenigstens wird es gut für den Enkel sein – sagte Valentina Tichonowna zu Larisa.
An Silvester schlief sie zum ersten Mal wieder im Haus.
Sie heizte den Ofen an.
Sie ging vor Mitternacht zu Bett.
Und zum ersten Mal seit sieben Monaten schlief sie bis acht Uhr morgens.
Ein halbes Jahr verging.
Im Mai kam Larisa für das Wochenende.
Das Schild war inzwischen vom Tor abgenommen worden.
Die beiden Schraubenlöcher waren jedoch geblieben.
Valentina Tichonowna strich Apfelbaum-Veredelungswachs darüber.
Das bronzene Eichgewicht stand im großen Zimmer auf dem Fensterbrett.
Die Sonne fiel darauf.
Daneben standen kleine Papiertüten, mit Bleistift beschriftet:
dunkle Karotten,
Astern von Klawdija,
Dill,
Gurken.
Jegor fuhr jeden Samstag selbst zur Großmutter.
Sein Bus fuhr um 9:15 Uhr.
In seinem Zimmer stand wieder die alte Kommode.
Auch Vitali kam oft.
Nicht immer ging er hinein.
Im Februar schob er wortlos den Schnee vom Tor bis zur Landstraße weg und ging anschließend wieder nach Hause.
Im April reparierte er den Zaun an der Nordseite.
Das Geld nahm er nicht an.
An einem Morgen im Mai hackte er Holz im Hof.
Valentina Tichonowna sah ihn vom Fenster aus.
Ihr Sohn legte die Scheite gleichmäßig nebeneinander.
Stück für Stück.
Genau so, wie er es von seinem Vater gelernt hatte.
Die Frau stellte den blauen Wasserkessel auf den Herd.
An seinem Ausguss war noch immer die alte Absplitterung.
Sie öffnete den Küchenschrank.
Nahm zwei Tassen heraus.
Der Kessel begann zu pfeifen.
Valentina Tichonowna nahm ihn vom Herd und sah lange durch das Fenster zu ihrem Sohn hinaus.
Sie nahm ihm nichts weg.
Sie holte nur den Platz zurück, der immer der ihre gewesen war.
Und als Vitali schließlich den Kopf hob, winkte seine Mutter ihm nicht zu.
Sie stellte nur zwei Tassen auf den Tisch.
Denn jetzt wussten sie beide, dass es noch Dinge gab, die sie einander sagen mussten.







