Nina kam einen Tag früher zur Datscha ihrer Schwester und sah das Auto ihres Mannes am Zaun.

Familiengeschichten

Der Zug war zwanzig Minuten früher als im Fahrplan angekommen, eine dieser kleinen Abweichungen, die sich fast wie ein Omen anfühlen. Nina nahm es als ein gutes Zeichen, ohne wirklich zu wissen warum.

Sie sprang mit der Tasche schwer über der Schulter auf den Bahnsteig, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und richtete die Brille, die ihr immer etwas schief saß, wenn sie müde war.

Der Kies knirschte unter den Schuhen, als sie den vertrauten Pfad entlang der Gleise begann, wo der Sommer wie ein Deckel über allem lag: warm, stillstehend, fast überreif duftend nach Kiefer und Staub.

In der Tasche lagen Dinge, die einzeln nicht viel bedeuteten, die zusammen aber eine Art Fürsorge trugen, die sie kaum Liebe zu nennen wagte. Ein Glas selbstgemachtes Ajvar von der Nachbarin Zoya, ein halbes Kilo Kaffee,

den sie wusste, dass Galina nie selbst kaufte, und ein Buch, das Nina mit Bedacht ausgewählt hatte – etwas „über das Leben, aber ohne Morde“, wie ihre Schwester einmal mit schiefem Lächeln gesagt hatte. Nina hatte Ulickaja gewählt, als könnte Literatur die Welt in ihrer Form halten.

Die Augustluft lag schwer über der Datscha-Siedlung. Alles wirkte ein wenig zu nah, ein wenig zu gesättigt. Sie ging und dachte, es würde schön sein, im aufblasbaren Pool zu baden,

Kaffee auf der Veranda zu trinken, vielleicht früh einzuschlafen, ohne Viktor, der über Fußball sprach oder das Geschirr im Spülbecken zurückließ wie eine stille Spur seiner Anwesenheit. Zwei Tage Stille.

Zwei Tage, in denen sie einfach Nina sein würde, nicht jemand, der alles zusammenhielt.

Als sie in die kleine Straße mit dem schiefen Schild „SNT Birke“ einbog, veränderte sich die Luft kaum merklich. Etwas in ihrem Körper hielt inne, bevor der Gedanke nachkam. Dort, bei Galinas Zaun, stand ein Auto.

Silberfarben.

Zu vertraut.

Nina blieb mitten im Schritt stehen.

Sie musste nicht näher gehen, um es zu wissen. Sie kannte jedes Detail, als wäre es in ihre Haut eingebrannt.

Die kleine Delle am hinteren Stoßfänger von einem Parkplatzunfall im Einkaufszentrum. Der Geruch von warmem Plastik in der Sommerhitze. Die alte Gewohnheit Viktor, kleine Dinge im Auto zu lassen, als wäre es eine Verlängerung seines Lebens.

Sie stellte die Tasche langsam ab, fast vorsichtig, als könnte etwas zerbrechen, wenn sie sich zu schnell bewegte. Nahm die Brille ab, wischte sie an ihrem Kleid ab und setzte sie wieder auf, als könnte die Welt sich inzwischen ändern.

Aber das Auto blieb.

Sie ging näher. Vorsichtig, fast mechanisch. Blickte durch das Fenster.

Auf dem Beifahrersitz lag seine Jacke. Die blaue, die sie ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Auf der Brusttasche ein blasser Kaffeefleck, der nie ganz herausgegangen war. Und plötzlich wurde alles unzweideutig.

„Aha“, sagte sie laut zu sich selbst.

Ihre Stimme klang seltsam ruhig, fast fremd.

Das Tor stand einen Spalt offen. Sie ging hinein.

Auf der Veranda standen zwei Weingläser. Beide rot, beide halbvoll. Aus dem Haus drang Musik, leise und weich, etwas Jazziges, das Galina spielte, wenn sie ein Gefühl von etwas Größerem als dem Alltag schaffen wollte.

Nina ging auf die Veranda, nahm eines der Gläser, hielt es einen Moment in der Hand und stellte es wieder ab. Als wollte sie nichts in dieser Szene besitzen.

„Galina“, rief sie.

Die Musik verstummte sofort.

Die Stille danach war nicht nur Stille. Sie war dicht, fast lebendig.

Schritte waren zu hören. Die Tür öffnete sich. Galina trat heraus.

Sie sah nicht aus wie Nina es in ihren schlimmsten Gedanken erwartet hatte. Nicht wie jemand, der ertappt worden war. Eher wie jemand, der mitten in einer Bewegung steckengeblieben war,

die sie nicht mehr beenden konnte. Offenes Haar, Morgenmantel, ein Gesicht offen, aber verwirrt, als hätte die Realität ihre Logik verloren.

„Nina“, sagte sie.

„Du bist nicht allein“, antwortete Nina. Sie hörte selbst, wie stabil ihre Stimme war. Zu stabil.

Galina schluckte.

„Ich…“

„Ich sehe das Auto“, unterbrach Nina sie.

Sie standen dort, zwei Schwestern, die alles geteilt hatten. Zwei Räume derselben Kindheit, dieselbe Küche, dieselbe Mutter, die immer ein bisschen zu müde war, um zwischen ihrem Weinen zu unterscheiden.

„Wie lange?“, fragte Nina schließlich.

Stille.

„Wie lange, Galina?“

„Ein Jahr und ein halbes“, flüsterte sie.

Nina nickte langsam. Als wäre die Zahl keine Überraschung, sondern nur eine Bestätigung dessen, was ihr Körper schon vor dem Verstand gewusst hatte.

Sie nahm eines der Gläser, trank es in einem Zug aus. Stellte es hart ab.

„Du wusstest, dass ich komme“, sagte sie.

„Ja.“

„Und er wusste es.“

„Ja.“

So einfach. So unfassbar einfach.

„Also habt ihr zwei Tage gewählt“, sagte sie. Keine Frage, eher Mathematik.

Galina antwortete nicht.

Nina wandte sich zu Viktor. Er stand in der Tür, als wäre er dort schon länger gewesen, als sie es ertragen konnten. Er sah sie nicht direkt an, sondern knapp an ihr vorbei.

„Nina“, begann er.

„Nein“, sagte sie ruhig. „Spare es dir.“

„Ich muss es erklären.“

„Das ist nicht nötig.“

Ihre Stimme war leise geworden. Gefährlich leise. Nicht Wut, sondern etwas Endgültigeres.

„Ich sehe alles, was ich sehen muss.“

Sie sah beide an. Schwester. Mann. Zwei Menschen, die einmal ihr Zuhause gewesen waren.

„Ein Jahr und ein halbes“, sagte sie wieder. „Ihr habt an meinem Tisch gegessen. Ihr habt mir in die Augen gesehen. Ihr habt mich über nichts reden lassen, während sich alles längst verändert hatte.“

Galina weinte nicht richtig. Sie zitterte nur leicht, als wüsste ihr Körper nicht, wie er die Scham tragen sollte.

„Ich wollte nicht…“, begann sie.

„Aber du hast es trotzdem getan“, sagte Nina.

Stille.

Viktor öffnete den Mund.

„Du wolltest, dass ich es weiß“, sagte Nina plötzlich und sah ihn an. „Oder?“

Er antwortete nicht sofort.

„Sonst hättest du das Auto nicht hier gelassen.“

„So war es nicht“, sagte er schließlich, aber ohne Kraft.

„Und doch.“

Er senkte den Blick.

„Vielleicht war es so“, gab er zu.

Nina lächelte schwach. Nicht warm. Nicht kalt. Nur ein Gesicht, das nicht mehr wusste, was es ausdrücken sollte.

Sie ging zu ihrer Tasche. Holte das Ajvar-Glas heraus, stellte es auf den Tisch. Kaffee. Das Buch. Eine absurde Ordnung von Fürsorge mitten im Chaos.

„Das ist für dich“, sagte sie zu Galina. „Du hast nach Kaffee gefragt.“

Galina starrte darauf, als könne sie nicht verstehen, wie etwas so Alltägliches gleichzeitig existieren konnte.

„Du kannst nicht einfach…“

„Doch“, unterbrach Nina.

Ihre Stimme blieb ruhig. Genau das machte sie schwer zu widerstehen.

Sie drehte sich um.

„Ich fahre zu Zoya“, sagte sie. „Sie hat schon lange gesagt, ich kann kommen.“

„Nina…“

„Nicht heute“, sagte sie sanft. „Nicht heute.“

Und dann ging sie.

Sie ging am Auto vorbei, ohne es anzusehen. Als gehörte es nicht mehr zur Welt.

Der Weg zurück war schmal und warm. Die Bäume standen schwer im August. Irgendwo lachten Kinder beim Baden, ihre Stimmen prallten zwischen den Bäumen wie etwas, das nicht zur Erwachsenenwelt gehörte.

Nina ging und dachte nicht in Worten. Eher in Fragmenten. Erinnerungen. Kleine Bilder ohne Zusammenhang.

Ein Neujahrstisch. Galinas Lachen. Viktors Hand auf ihrem Rücken in der Küche. Telefone, die klingelten, Stimmen, die sagten: „Alles ist gut.“ Und jetzt: nichts, das mehr zusammenpasste.

An der Kreuzung blieb sie stehen. Links ging es zum Bahnhof. Rechts zum Fluss.

Sie nahm rechts.

Es fühlte sich nicht wie eine Entscheidung an. Eher wie ein Körper, der weiterging, als alles andere stehen blieb.

Zoya stand in der Küche, als Nina ankam. Der Geruch von Gebäck und etwas Süßem traf sie wie eine andere Wirklichkeit.

„Du bist früh“, sagte Zoya, ohne zu fragen warum.

„Ich bleibe ein paar Tage“, sagte Nina.

„Gut“, antwortete Zoya. „Ich habe schon Platz gemacht.“

Und in dieser einfachen Antwort beruhigte sich etwas in Nina.

Später saß sie auf der Treppe und sah der Sonne beim Untergehen zu. Das Telefon vibrierte einmal. Viktor. Sie ging nicht sofort ran.

„Nina“, sagte er.

„Ich höre dich.“

„Ich will kommen.“

„Nicht heute.“

„Ich muss es erklären.“

„Heute gibt es nichts zu erklären.“

Stille.

„Okay“, sagte er schließlich.

Und dann war die Leitung leer.

Eine Nachricht kam später. Von Galina. Nur ein Wort: „Nina.“

Mehr nicht.

Sie hielt das Telefon lange in der Hand, als könnte das Wort sich verändern, wenn sie es lange genug anstarrte.

Aber es tat es nicht.

Sie legte das Telefon weg.

Zoya rief aus der Küche.

„Willst du mir morgen mit den Hühnern helfen?“

Nina zögerte nicht.

„Ja“, sagte sie.

„Gut“, sagte Zoya. „Wir fangen um sechs an.“

Später lag sie in dem kleinen Zimmer mit dem einfachen Bett und hörte das Haus um sich atmen. Die Hühner draußen verstummten einer nach dem anderen, als würde die Welt selbst sich für die Nacht zurückziehen.

Sie lag still und dachte daran, dass alles, was ihr Leben gewesen war, noch existierte, aber in einer anderen Form – als etwas, in das man nicht mehr eintreten konnte, ohne sich zu verändern.

Und irgendwo in diesem Gedanken lag keine Schockstarre mehr, nur eine stille Klarheit, die noch keine Worte gefunden hatte.

Denn morgen würde sie um sechs Uhr aufwachen, und es würde eine neue Art zu leben geben, die noch keinen Namen hatte, aber bereits im Morgenlicht auf sie wartete.

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