– Also, so stehen wir. Die Schiffstickets haben wir storniert, das Geld habe ich abgehoben und an die Gemeinschaft „Fényes Út“ überwiesen. Morgen früh um sechs kommt ihr Kleinbus für uns.
Das Metallschrubben rutschte Masha aus der Hand. Das Wasser spritzte zischend ins leere Spülbecken, Schaum und Tropfen verteilten sich auf den Fliesen. Für einen Moment blieb alles stehen. Die Frau drehte sich langsam um, als würde ihr Körper nicht glauben wollen, was sie gehört hatte.
In der Küchentür stand Maxim. Zögernd, als könnte er sich jeden Moment wieder zurückziehen. Mit dem Finger knetete er den Saum seines ausgewaschenen T-Shirts und vermied ihren Blick.
Hinter ihm Tamara Eduardowna, seine Mutter, wie immer tadellos, in einer gebügelten Bluse, mit fest zusammengepressten Lippen.
– Du machst Witze mit mir, oder? – Mashas Stimme war zuerst nur ein Flüstern, dann brach sie plötzlich heraus. – Welche Tickets? Ich habe anderthalb Jahre dafür gearbeitet! Selbst an Weihnachten habe ich Überstunden gemacht, wie eine Maschine! Jeden einzelnen Cent habe ich gespart!
Über dem Spülbecken tropfte das Wasser weiter, aber ihre Stimme übertönte alles.
Tamara Eduardowna verschränkte die Arme.
– Maschenka, schreie nicht. Ich denke nur an euer Bestes. Auf dem Schiff wärt ihr nur verweichlicht worden. Alkohol, Essen, alles sinnlos. Dort, wohin wir gehen, herrscht Ordnung. Früh aufstehen, frische Luft, einfache Nahrung. Geistige Reinigung.
Masha sah Maxim an. Den Menschen, mit dem sie Jahre verbracht hatte und der ihr plötzlich fremd erschien.
– Sag mir, dass das ein schlechter Witz ist.
Maxim sah auf den Boden.
– Mama meint es nur gut… Es gab auch einen Rabatt. Familienrabatt.
– Rabatt? Mit unserem Geld?!
Masha ballte die Faust auf dem Tisch. Ihre Nägel gruben sich ins Holz.
– Hast du ihr Zugriff auf unser Konto gegeben?
– Ich… ich bin ins Büro gegangen – murmelte Maxim. – Habe das Geld bar abgehoben.
Der Frau wurde schwarz vor Augen.
– Ihr beide… habt ihr unseren Urlaub verkauft? Für zweihunderttausend? Damit euch irgendeine Waldsekte das Gehirn wäscht?
Tamara Eduardowna hob das Kinn.
– Das ist keine Sekte. Das ist eine Lebensweise. Und dir würde es auch guttun, endlich aufzuhören, deinen Mann herumzukommandieren.
Masha lachte auf, doch es klang eher wie ein Riss.
– Ich kommandiere nicht? Ich arbeite! Ich halte das hier am Laufen! Und ihr entscheidet hinter meinem Rücken alles?
Maxim sagte leise:
– Mama macht sich nur Sorgen. Du bist zu laut. Du erzeugst Spannung.
Das war der Satz, bei dem etwas endgültig in ihr zerbrach.
– Ich bin laut? – Sie trat näher. – Ich bin das Problem? Nicht dass mein Mann und meine Schwiegermutter mein Geld stehlen?
Tamara Eduardownas Lippen verzogen sich zu einem dünnen, kalten Lächeln.
– Dramatisiere nicht. Du bist immer zu empfindlich. Die Aufgabe der Frau ist es, eine Familie zu tragen, nicht Hysterie zu machen.
Mashas Augen füllten sich mit Tränen, doch sie ließ sie nicht heraus.
– Aufgabe der Frau? Die Aufgabe der Frau ist es zu arbeiten und sich dann noch zu entschuldigen, dass sie existiert?
Maxim schüttelte den Kopf.
– Masha, bitte… mach das nicht. Mama will nur helfen. Wir müssen zusammen gehen. Wir sind Familie.
– Familie? – Ihre Stimme wurde plötzlich leer. – Das ist keine Familie. Ihr seid zu zweit gegen mich.
Im nächsten Moment griff sie bereits nach ihrem Mantel.
– Wohin gehst du? – Maxim stellte sich ihr in den Weg.
– Ich hole mir zurück, was ihr mir genommen habt.
– Mach keine Szene! – rief Tamara Eduardowna hinter ihr her. – Was sollen die Leute denken?
Masha drehte sich nicht um. Sie ging hinaus, und die kalte Luft traf sie ins Gesicht. Sie begann zu rennen. Sie wusste nicht genau wohin, nur dass sie zusammenbrechen würde, wenn sie stehen blieb.
Die Straße war nass, die Laternen spiegelten sich gelb zitternd in den Pfützen. Mit jedem Schritt spürte sie mehr die Wut, die kein Schreien mehr war, sondern reine, scharfe Energie.
Im Reisebüro blies die Klimaanlage kalte Luft in ihr Gesicht. Der Sachbearbeiter, ein ruhiger Mann mittleren Alters, sah auf den Bildschirm.
– Ja, ich sehe es. Maxim Olegowitsch hat heute Morgen die Buchung storniert.

– Sofort zurück! – schlug Masha auf den Tisch. – Ich habe auch bezahlt!
– Aber der Vertrag läuft nur auf seinen Namen. Er hat unterschrieben. Er hat auch das Geld abgehoben.
Die Sätze fielen auf sie wie kaltes Wasser.
– Es gibt nichts wiederherzustellen.
Stille.
Dann:
– Gibt es noch Plätze auf dem Schiff?
– Ja… aber nur eine Kabine der oberen Kategorie.
– Ich nehme sie.
– Der Preis…
– Ist mir egal.
Die Karte zitterte in ihrer Hand, als sie sie durchzog. Das Gerät piepte. Eine Welt brach zusammen, und in demselben Moment entstand eine andere.
Zu Hause stand bereits ein Koffer im Flur. Tamara Eduardowna packte ruhig, als wäre nichts geschehen.
– Wir fahren morgen los. Alles wird gut.
Maxim war im Zimmer und faltete Kleidung, zu langsam, als würde er Zeit gewinnen.
Masha blieb in der Tür stehen.
– Ich packe auch.
Stille.
– Wohin? – fragte Maxim.
– Auf das Schiff.
Tamara Eduardowna lachte.
– Allein? Lächerlich.
Masha sah sie an.
– Ja. Allein.
Und sie holte den roten Koffer hervor.
Der Raum füllte sich mit Spannung, wie Luft vor einem Sturm.
– Du gehst nirgendwohin! – Maxim trat auf sie zu.
– Hör zu – ihre Stimme war leise, aber fest –, ich habe das bezahlt. Ich habe dafür gearbeitet. Nicht ihr.
– Wir sind Familie! – schrie Maxim.
– Nein. Ihr beide seid Familie. Ich war nur eine Geldbörse.
Tamara Eduardownas Gesicht verhärtete sich.
– Du wirst alles verlieren. Du wirst allein bleiben.
Masha hielt einen Moment inne. Die Angst war da, ein kleiner zitternder Punkt. Aber dahinter etwas Stärkeres.
– Lieber allein als mit euch.
Der Reißverschluss des Koffers schloss sich laut.
In dieser Nacht war die Wohnung still. Maxim und seine Mutter waren gegangen. Die Wohnung hallte leer wider.
Masha saß am Küchentisch, das Handy in der Hand. Ihre Schwester rief an.
– Bist du verrückt?! Du fährst allein? Du verlässt deinen Mann? – schrie sie ins Telefon. – In deinem Alter wählt man nicht mehr!
– Ich wähle nicht – sagte Masha leise. – Ich will nur nicht mehr verschwinden.
– Unsinn! Geh zurück, entschuldige dich!
– Nein.
Sie legte auf.
Ihre Hand zitterte, aber die Entscheidung nicht mehr.
Am Morgen lag Nebel über dem Fluss. Das große Schiff machte sich langsam bereit zur Abfahrt. Das Wasser wogte dunkel, als würde es ein altes Leben wegspülen.
Masha stand an Deck. Der Wind griff in ihr Haar, ihr Gesicht, ihre Gedanken. Die Stadt entfernte sich langsam.
Ihr Telefon vibrierte.
Nachricht von Maxim:
„Masha, das ist hier furchtbar. Sie haben uns eingesperrt. Das ist keine Gemeinschaft, sondern eine Sekte. Sie haben uns die Telefone weggenommen. Mama geht es schlecht. Bitte ruf Hilfe. Hol uns hier raus.“
Lange Sekunden sah sie darauf.
Das Wasser wurde währenddessen breiter, das Schiff brachte sie weiter vom Ufer weg.
Dann löschte sie die Nachricht langsam aus ihrem Bewusstsein.
Sie antwortete nicht.
Das Telefon verschwand in ihrer Tasche.
Der Wind wurde stärker, und die Welt wurde endlich stiller, als sie es je zuvor gewesen war.
Und das Schiff trug sie weiter, in eine Richtung, aus der es kein Zurück mehr gab.







