— Bist du völlig verrückt geworden oder was?!
Dénes knallte den frisch ausgedruckten Grundbuchauszug so heftig auf den Tisch, dass das Papier über die billige Wachstischdecke rutschte und den Salzstreuer herunterfegte.
Das Salz verteilte sich überall wie kleine weiße Überreste eines Lebens, das gerade auseinanderbrach.
Die Suppe köchelte noch leise auf dem Herd. Der schwere Duft von Knoblauch und gekochtem Fleisch erfüllte die ganze Küche. Ich stand einfach nur da, regungslos, und wartete darauf, dass er seine Szene zu Ende spielte.
— Ich war bei der Bank — keuchte er nervös. — Ich wollte einen Kredit aufnehmen und die Wohnung als Sicherheit hinterlegen, und weißt du, was die mir sagen? Dass die Eigentümerin gar nicht du bist, sondern dein Vater! Was hast du hinter meinem Rücken gemacht?!
Langsam schaltete ich den Herd aus, zog den heißen Topf zur Seite und sah ihn erst dann an.
— Und auf wen hätte sie denn laufen sollen? Mein Vater hat die Wohnung bezahlt. Es war sein Geld. Natürlich steht sie auf seinen Namen.
Dénes’ Gesicht verzog sich vor Wut.
— Wir sind eine Familie! Ich habe mich für diese Wohnung kaputtgemacht! Ich habe tapeziert! Ich habe die Fußleisten montiert! Und währenddessen hast du mich behandelt wie irgendeinen geduldeten Niemand!
Da regte sich auch in mir etwas. Keine Wut. Etwas viel Kälteres. Dieser tiefe, eisige Ekel, der in einer Frau entsteht, wenn sie endlich komplett durch einen Menschen hindurchsieht.
Langsam trocknete ich meine Hände am Küchentuch ab.
— Du hast tapeziert? Wirklich? Vor fünf Jahren bist du mit einer einzigen Sporttasche hier aufgetaucht. Du hattest nichts. Seitdem wohnst du hier umsonst, frisst dich durch meinen Kühlschrank,
hältst Vorträge über deine großen Pläne und deine bescheuerten Motivationstrainings, aber keinen einzigen vernünftigen Cent hast du zu diesem Leben beigetragen.
Die Rechnungen bezahle ich. Die Einkäufe schleppe ich. Mein Vater hat die Wohnung gekauft.
Ich sah ihm an, dass er am liebsten geschrien hätte, aber ihm fehlten die Worte.
Und dann dachte ich an Sneschana.
An diesen Abend vor einem Jahr.
Seine geliebte Schwester, die mit verheulten roten Augen zu uns gerannt kam, weil ihr „großer Traum“ pleiteging. Sie wollte ein Nagelstudio eröffnen, konnte aber nicht einmal die Miete bezahlen. Dénes schlug damals mit der Faust auf den Tisch wie irgendein großer Familienpatriarch.

„Familie hilft Familie!“, hatte er gebrüllt.
Und ich hatte geschwiegen.
Mein Vater hatte daraufhin eine halbe Million Rubel aus seinen Ersparnissen genommen und ihr gegeben.
Dénes hatte das Geld damals vom Tisch gerafft, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Nicht einmal ein ordentliches Danke bekam er heraus.
Und jetzt stand er vor mir und nannte mich Verräterin.
— Gut — zischte er schließlich. — Dann gehe ich eben.
— Geh.
Er grinste schief, ging in den Flur und nahm die Autoschlüssel vom Haken.
— Das Auto nehme ich aber mit. Ich fahre es schließlich. Ich tanke es.
Sofort stellte ich mich ihm in den Weg.
— Leg die Schlüssel zurück.
— Sonst was? — sah er von oben auf mich herab.
Zum ersten Mal lächelte ich wirklich.
— Sonst hält dich der erste Polizist an. Das Auto läuft auch auf meinen Vater. Heute Morgen hat er die Fahrzeugpapiere aus dem Handschuhfach genommen und bei der Versicherung angerufen. Du bist nicht mehr eingetragen. Wenn du das Auto mitnimmst, melden wir es als gestohlen.
In diesem Moment veränderte sich sein Gesicht.
Wie bei einem Menschen, der plötzlich begreift, dass er nichts besitzt.
Keine Wohnung.
Kein Auto.
Kein Geld.
Keinen Zufluchtsort.
Nur leere Arroganz war ihm geblieben.
— Du hast das alles geplant… — flüsterte er heiser.
— Nein. Ich bin nur endlich aufgewacht.
Dann zog ich mein Handy aus der Tasche meines Bademantels.
— Und jetzt rufst du deine Schwester an.
— Wieso?
— Weil gestern die Frist abgelaufen ist. Sie schuldet meinem Vater eine halbe Million Rubel.
Dénes lachte nervös auf.
— Welche Schulden? Ach komm schon. Das war Hilfe. Wir haben nichts unterschrieben.
Jetzt lachte ich.
Langsam. Kalt.
— Du hast nichts unterschrieben. Aber mein Vater ist nicht dumm. Er hat Sneschana einen Schuldschein unterschreiben lassen. Passnummer, Datum, Zinsen, Rückzahlungsfrist — alles steht drin. Wenn sie bis Freitag nicht zahlt, geht mein Vater vor Gericht. Ihr Salon wird versteigert, mitsamt den Lampen und Sesseln.
In der Küche wurde es totenstill.
Von draußen hörte man jemanden Schnee von der Straße schaufeln.
Dénes’ Hände zitterten. Nervös spielte er mit dem Reißverschluss seines Pullovers wie ein Kind, das in die Ecke gedrängt wurde.
Und plötzlich veränderte er sich komplett.
Aus dem großen Macho wurde innerhalb von Sekunden ein winselnder Feigling.
— Nina… mach das nicht… — jammerte er mit dünner Stimme. — Warum streiten wir wegen so einem Blödsinn? Na gut, dann läuft die Wohnung eben auf deinen Vater… wen interessiert das schon? Ich war nur aufgebracht…
Er machte einen Schritt auf mich zu, um mich zu umarmen.
Ich wich zurück.
Ich ekelte mich vor ihm.
Vor seinem Schweißgeruch.
Vor seiner Feigheit.
Vor der Tatsache, dass ich fünf Jahre lang zugelassen hatte, dass er mich ausnutzt.
— Du wolltest mich nie lieben, Dénes — sagte ich leise. — Du wolltest nur ein bequemes Leben. Eine Frau, die dich versorgt. Die für dich kocht, deine Wäsche macht, alles bezahlt und dabei noch dankbar sein soll, dass du überhaupt neben ihr existierst.
Er senkte den Blick.
Denn er wusste, dass ich recht hatte.
Ich zog einen großen schwarzen Müllsack unter der Spüle hervor und warf ihn ihm vor die Füße.
— Pack deine Sachen.
— Ich habe keinen Ort, wo ich hin kann…
— Geh zu deiner Schwester. Du kannst bei ihr auf dem Boden schlafen, bis der Gerichtsvollzieher auch noch eure Couch abholt.
Schweigend packte er.
Er stopfte seine T-Shirts zerknittert in den Sack. Er wollte sogar den elektrischen Rasierer mitnehmen, den ich ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, aber als er meinen Blick bemerkte, legte er ihn langsam wieder zurück.
Kein einziges Wort sagte er mehr.
Er schleppte sich einfach zur Tür hinaus wie ein gebrochener, leerer Mensch.
Als ich die Tür hinter ihm schloss, drehte ich den Schlüssel zweimal herum.
Und dann…
Wurde es endlich still.
So tief und rein still, wie es in dieser Wohnung seit Jahren nicht mehr gewesen war.
Ich hörte nicht mehr sein Schmatzen.
Nicht mehr sein Jammern.
Nicht mehr seine dummen Belehrungen über das Leben.
Nur der Duft der heißen Suppe blieb.
Langsam schöpfte ich mir einen Teller Borschtsch ein. Schnitt mir eine Scheibe Schwarzbrot ab. Setzte mich an den Tisch und hatte zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl, wieder atmen zu können.
Ich weinte nicht.
Ich bereute nichts.
Ich hatte keine Angst.
Denn manchmal kommt im Leben einer Frau der Moment, in dem sie begreift: Das Schlimmste ist nicht, allein zu bleiben.
Das Schlimmste ist, neben jemandem langsam zu verschwinden.
Und an diesem Abend bekam ich mich selbst endlich zurück.
Für Gier und Dreistigkeit muss man immer bezahlen. Eine Zeit lang kann man auf dem Rücken anderer durchs Leben klettern und glauben, damit davonzukommen — aber früher oder später kommt die Rechnung. Und wenn sie kommt, wird bis auf den letzten Cent kassiert.







