Darias Mutter stürmte in die Wohnung, während sie im Norden war, doch als sie die Sirene hörte, veränderte sich ihr Gesicht sofort.

Familiengeschichten

Der Schlüsselbund fiel mit einem dumpfen, metallischen Klirren auf die schmale Kommode im Flur. Die Luft war schwer, erstickend: der Geruch von angebranntem Essen vermischte sich mit feuchter Wolle und längst festgesetztem Zigarettenrauch. Es war, als hätte selbst die Wohnung dieses Leben satt.

Aus dem Zimmer drang das monotone Summen des Fernsehers, dazu dieses widerliche, rhythmische Kauen, das Maksims Gleichgültigkeit schon aus der Ferne verriet.

Ksenia zog langsam ihren Mantel aus. Der Novemberniesel hatte ihn völlig durchnässt, der Kragen war verfilzt, als würde er ihren Zustand widerspiegeln.

Sie blieb im Türrahmen der Küche stehen. Für einen Moment schloss sie die Augen. Sie könnte noch umkehren. So tun, als wäre nichts passiert.

Aber es gab kein Zurück mehr.

— Ich will die Scheidung — sagte sie leise, doch ihre Stimme durchschnitt die Luft scharf.

Die Federn des Sofas knarrten. Maksim sah nicht einmal auf. Mit derselben Gleichgültigkeit stopfte er sich Kekse in den Mund, Krümel fielen auf seine Jogginghose.

Zoya Nikolajewna drehte sich sofort vom Herd um. Sie wischte sich ihre fettigen Hände an der abgetragenen Schürze ab und musterte Ksenias Gestalt mit zusammengekniffenen Augen.

— Was? Was hast du gesagt? — fauchte sie. — „Welche Scheidung? Du hast noch Kredite zu zahlen! Geh lieber die Suppe aufwärmen!“

Ihre Stimme war scharf, spöttisch, voller Verachtung.

— Sie will sich scheiden lassen, hört ihr?! Schaut sie euch an! Eine Prinzessin! Und für wen hältst du dich überhaupt? Vier Jahre und nicht einmal ein Kind hast du bekommen, aber jetzt machst du Theater!

Maksim nahm laut einen Schluck aus seiner Tasse. Er langweilte sich. Das alles war für ihn nur Lärm.

Ksenia lehnte sich gegen die Wand. Zwei Stunden zuvor hatte sie noch hinter einem schweren Samtvorhang in einem eleganten Bankettsaal gestanden. Es wirkte wie ein anderes Leben. Eine andere Welt.

Sie arbeitete als Bühnenbildnerin in einem kleinen dramatischen Theater. An diesem Abend hatte sie einen dringenden Auftrag: Requisiten zu einer Firmenveranstaltung liefern.

Nachdem sie die Kisten mit den Masken abgegeben hatte, wollte sie unauffällig durch einen Seitenausgang verschwinden. Doch dann sah sie diese Jacke. Vertraut. Viel zu vertraut.

Und dann sah sie ihn.

Maksim saß an einem abgelegenen Tisch, im Halbdunkel. Auf seinem Schoß Lilia. Diese Lilia. Die Empfangsdame aus seiner eigenen Firma.

Ksenia erstarrte. Die Welt um sie herum wurde still.

— Deine Frau beschäftigt sich immer noch mit diesem Papierkram? — lachte Lilia und drehte eine Haarsträhne um ihren Finger. — Sie wird deine Schulden ihr ganzes Leben lang tragen.

Maksim lächelte. Dieses Lächeln… das Ksenia einst geliebt hatte.

— Dann soll sie sie tragen — sagte er gelassen und küsste Lilia in den Nacken. — Sie ist gehorsam. Sie wird nie gehen.

Diese Worte schnitten in Ksenias Seele wie ein Messer.

Ein Mann sagte das… für den sie alles aufgegeben hatte.

Ein Jahr zuvor hatte Maksims Bautrupp die Renovierung einer Villa am Stadtrand übernommen. Am Freitagabend, nach Abschluss der groben Arbeiten, begannen die Arbeiter zu feiern. Alkohol, Lachen, Verantwortungslosigkeit.

Und ein Fehler.

Sie hatten das Hauptventil der Heizung nicht zugedreht.

In der Nacht ergoss sich heißes Wasser durch das gesamte Haus. Am Morgen waren die Parkettböden aufgequollen, der Putz abgefallen, die italienischen Möbel zerstört.

Der Auftraggeber war wütend. Er forderte eine enorme Entschädigung und drohte mit einer Klage.

Maksims „Freunde“ verschwanden. Innerhalb eines Tages.

Und dann ging Ksenia. Von Bank zu Bank. Sie bettelte. Unterschrieb. Nahm einen riesigen Kredit auf, mit unmenschlichen Zinsen.

Sie verschuldete sich für zehn Jahre.

Nur um ihn zu retten.

Und jetzt saß dieser Mann dort und aß Kekse, als wäre nichts geschehen.

— Morgen reiche ich den Antrag ein — wiederholte Ksenia, ihre Stimme nun fester. — Und du… zieh zu Lilia. Ich habe euch gesehen.

Das Kauen stoppte.

Maksims Hand blieb in der Luft stehen.

Zoya Nikolajewna schrie auf, doch Ksenia hörte nicht mehr hin. Sie wollte es nicht mehr hören. Sie wollte dieses Leben nicht mehr.

Sie ging ins Schlafzimmer. Nahm die alte Sporttasche und begann, ihre Kleidung einzupacken. Jede Bewegung war langsam, präzise. Als würde sie mit jedem Kleidungsstück ein Stück ihrer Vergangenheit abschneiden.

Fünfzehn Minuten.

Mehr brauchte sie nicht.

Als sie die Tür hinter sich zuschlug, hallte das Geräusch im Treppenhaus wider.

Draußen war es kalt. Der Wind drang durch ihren Mantel. Sie hatte keinen Ort, wohin sie gehen konnte.

Ihre Eltern lebten weit entfernt. Sie hatte ihre Freunde über die Jahre verloren. Zwei Jobs, Kredite, Haushalt… keine Zeit mehr für irgendjemanden.

Sie war allein.

Völlig allein.

Langsam ging sie zum Theater zurück. Der Nachtwächter am Diensteinlass nickte nur. Er war solche späten Ankünfte gewohnt.

Ksenia betrat die Werkstatt.

Sie kletterte auf den langen Zuschneidetisch. Legte sich auf ein dickes Stoffstück und benutzte ihre Jacke als Kissen. Der Raum roch nach Sägespänen, Farbe und alten Textilien.

Seltsamerweise… gab dieser Geruch ihr Sicherheit.

Am Morgen wurde sie durch Schritte geweckt. Der Boden knarrte.

Im Türrahmen stand Arkadi. Ein Gastdramatiker, dessen Stück gerade geprobt wurde. In den letzten Monaten hatten sie oft über Kostüme, Ideen und Farben gesprochen.

Jetzt sah er sie nur an. Die zerknitterte Tasche. Ihr müdes Gesicht.

Er stellte keine Fragen.

Er stellte zwei Pappbecher Kaffee neben sie.

— Pack deine Sachen — sagte er ruhig.

Ksenia sah ihn verwirrt an.

— In vierzig Minuten beginnt meine Schicht.

— Ich habe bereits mit dem Direktor gesprochen — fuhr er fort. — Du wirst ins Regionstheater versetzt. Ihr Bühnenbildner ist in Rente gegangen. Sie haben niemanden. Du bekommst auch eine Unterkunft. Nicht groß, aber du hast ein Zimmer.

Ksenias Augen füllten sich mit Tränen.

Nicht vor Schmerz.

Sondern weil endlich jemand… geholfen hatte. Still. Ohne Bedingungen.

Eine Woche später stand sie bereits in einer neuen Werkstatt. Groß, hell, voller Leben.

Das neue Jahr rückte näher. Aufführungen, Bühnenbilder, Hektik.

Die Arbeit füllte ihre Tage. Erschöpfte sie. Aber auf eine gute Weise.

Jeden Monat wurde die Rate abgezogen. Die Schuld war noch da. Wie ein Schatten.

Aber sie erdrückte sie nicht mehr.

Denn Ksenia war nicht mehr derselbe Mensch.

Eines Abends, während sie ein riesiges Bühnenbild malte, hielt sie einen Moment inne. Sie sah auf ihre Hände. Sie waren voller Farbe. Müde.

Aber frei.

Und da verstand sie wirklich:

Das Schwierigste war nicht, dieses Leben zu verlassen — sondern endlich zu glauben, dass sie zu mehr fähig war als diesem.

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