Der Herbstregen klopfte in einem einzigen monotonen Rhythmus gegen das Fenster des Bereitschaftszimmers.
Das gleichförmige Geräusch wirkte fast einschläfernd, als würde jemand langsam und geduldig auf der Zeit selbst trommeln. Michail und ich standen neben der Tür und hörten den letzten Anweisungen des Chefarztes zu.
— Nun, Kollegen… — Lew Borissowitsch rückte seine dünne, gebogene Brille zurecht und betrachtete uns mit einem Blick, in dem sich dreißig Jahre psychiatrischer Erfahrung spiegelten.
— Sie werden anderthalb Monate hier verbringen. Ihre Aufgabe ist nicht einfach, das Praktikum in Ihrem Protokoll abzuhaken. Sie müssen lernen zu beobachten.
Psychiatrie besteht nicht nur aus Medikamenten und Patientenakten.
Psychiatrie bedeutet… dass ein Mensch die Stille hören kann.
Ich sah Michail an, und er sah mich an. Der Satz klang zu pathetisch für einen Mann, der noch vor ein paar Minuten erklärt hatte, wie man Aufnahmeformulare korrekt ausfüllt.
— Kommen Sie. Ich zeige Ihnen unseren sogenannten Goldkäfig — sagte der Chefarzt schließlich mit einem schwachen, müden Lächeln.
Der Korridor war lang und schmal. Er wirkte wie das Deck eines reglosen Schiffes. Auf einer Seite reihten sich Türen aneinander — hinter jeder eine eigene Welt.
Vor der letzten Tür blieben wir stehen.
Lew Borissowitsch zog einen Schlüssel hervor, schloss auf und trat dann zur Seite, damit wir zuerst hineingehen konnten.
Das Zimmer war klein.
Beinahe beklemmend klein.
Ein Bett. Ein kleiner Nachttisch. Ein Stuhl am Fenster.
Und ein Gemälde.
Das Bild hing genau gegenüber dem Stuhl an der Wand, als hätte es jemand absichtlich dort mit dicken, rostigen Nägeln festgenagelt.
Es war ein Ölgemälde: Eine riesige Eiche stand auf einem Hügel. Ihre Krone breitete sich weit aus, und ihre Wurzeln schienen tief in die Erde zu greifen, als würden sie die Welt selbst festhalten.
Von einem starken Ast hing eine Schaukel — ein einfaches Brett, befestigt mit zwei Seilen.
Unter dem Baum begann ein schmaler Pfad. Er schlängelte sich zwischen Hügeln hindurch und verschwand dann in einem dunkler werdenden Wald am Horizont.
Der Himmel in der Ferne glühte rötlich, als würden dort die letzten Flammen des Sonnenuntergangs brennen.
Auf dem Stuhl saß eine Frau.
Mit dem Rücken zu uns.
Völlig regungslos.
Es war schwer zu sagen, wie alt sie war. Sie konnte vierzig sein… oder sechzig.
Die Krankheit hatte die Jahre aus ihrem Gesicht ausgelöscht und eine glatte, müde Maske zurückgelassen. Ihr dunkles Haar war locker hochgesteckt, ihre Schultern leicht nach vorn gebeugt, ihre Hände lagen in ihrem Schoß.
— Elena Vereszova — sagte der Chefarzt leise. — Sie ist seit elf Jahren und drei Monaten bei uns.
Die Frau drehte sich nicht um.
Sie betrachtete das Gemälde, als hätte die Welt außerhalb davon aufgehört zu existieren.
Der Chefarzt deutete uns an, ein wenig zur Tür zurückzutreten.
— Ihr Fall ist gleichzeitig sehr gewöhnlich… und sehr ungewöhnlich — fuhr er fort.
— Vor acht Jahren verlor sie ihren Mann und ihren siebenjährigen Sohn. Ein Autounfall. Sie saß am Steuer. Wie durch ein Wunder überlebte sie. Drei Wochen lag sie im Koma.
Danach folgte eine lange Rehabilitation. Nach außen hin erholte sie sich vollständig.
— Und was ist daran ungewöhnlich? — fragte Michail, der immer im schlechtesten Moment Fragen stellte.
— Warten Sie — sagte der Chefarzt ruhig.
— Ein halbes Jahr nachdem sie aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen war, begann Elena sich seltsam zu verhalten. Ihre einzige Verwandte, eine Cousine, bemerkte es.
Sie sagte, Elena spreche mit jemandem in der Wohnung. Manchmal lachte sie. Manchmal weinte sie. Sie stellte Fragen.
Als die Cousine fragte, mit wem sie rede, antwortete Elena ganz ruhig, dass sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn spreche.
— Und wo sind sie? — fragte ich.
Der Chefarzt deutete auf das Gemälde.
— Sie sagte… sie kämen von dort.
Die Cousine versuchte natürlich, das Bild zu entfernen.
Sie glaubte, wenn der Reiz verschwände, würden auch die Halluzinationen verschwinden.
Doch Elena bekam einen so heftigen Wutanfall, dass ein Krankenwagen gerufen werden musste.
So kam sie zum ersten Mal hierher.
Seitdem folgt ihr das Gemälde überallhin.
Wenn wir es ihr wegnahmen, bekam sie Panik. Wenn wir es versteckten, fand sie es wieder. Einmal schlug sie sogar ein Fenster ein, nur um es zurückzubekommen.
— Warum hat sie ein eigenes Zimmer? — fragte ich.
— Weil die anderen Patienten reagieren, wenn sie mit ihnen spricht. Weinen, Panik, Anfälle. Wir können es nicht erklären. Vielleicht überträgt sich die Spannung. So ist es für alle ruhiger.

— Und die Behandlungen? — fragte Michail.
— Wir haben alles versucht. Medikamente. Therapie. Hypnose. Sie ist ruhig, kooperativ… aber bei jedem Vollmond setzt sie sich vor das Bild und wartet.
— Worauf?
— Sie sagt, dann kommen sie.
Der Chefarzt machte eine Bewegung, dass wir gehen sollten.
Als ich fast draußen war, drehte ich mich instinktiv noch einmal um.
Elena Vereszova drehte langsam den Kopf und sah mir direkt in die Augen.
Ihr Blick war klar.
Ruhig.
Es lag kein Wahnsinn darin.
Nur ein leises, trauriges Lächeln.
Dann wandte sie sich wieder dem Gemälde zu.
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
Die folgenden Tage vergingen schnell.
Wir machten Notizen, halfen mit und lernten den Alltag.
Der Geruch von Desinfektionsmitteln lag ständig in den Fluren.
Am vierten Tag teilte Lew Borissowitsch mit, dass jeder einen Patienten auswählen müsse, den er besonders beobachten sollte.
Michail wählte einen älteren Mann mit Verfolgungswahn.
Ich wählte Elena Vereszova.
— Sind Sie sicher? — fragte der Chefarzt.
— Ja.
Ich begann meine Beobachtung auf ungewöhnliche Weise.
Ich stellte keine Fragen.
Ich brachte einfach einen zweiten Stuhl, setzte mich neben sie… und betrachtete das Gemälde.
Sie reagierte nicht.
Am nächsten Tag genauso.
Am dritten Tag ebenfalls.
Nach einer Woche kannte ich das Bild auswendig.
Ich zählte die Blätter am unteren Ast.
Ich studierte die Stelle, an der der Pfad im Wald verschwand.
Am zehnten Tag sprach Elena.
— Wissen Sie, warum die Schaukel leer ist?
Ich war überrascht.
— Warum?
— Weil sie wartet.
Ihre Stimme war leise, aber tief.
— Eine Schaukel bewegt sich nicht von selbst. Jemand muss sich darauf setzen.
Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu:
— Meine Jungen warten auch.
— Möchten Sie von ihnen erzählen? — fragte ich.
Elena sah mich an.
In ihren Augen erschien ein warmes Licht.
— Viktor war groß. Er hatte starke Hände. Er war Ingenieur, aber zu Hause baute er immer etwas. Er erschuf ständig Dinge.
Ein schwaches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
— Andruschka war genau wie er. Aber er verlor ständig seine Socken. Morgens durchsuchten wir die ganze Wohnung nach einer einzigen Socke.
Das Lächeln war schmerzhaft.
— Am Tag des Unfalls saß mein Sohn hinten im Auto und zeichnete. Viktor sprach über ein neues Gewächshaus, das er im Garten bauen wollte.
Eine lange Stille folgte.
— Dann kam ein Lastwagen auf unserer Spur entgegen.
Sie verstummte.
— Als ich im Krankenhaus aufwachte, sagten sie… sie seien tot.
Ihre Stimme brach nicht.
Sie wurde nur leer.
— Und wann kommen sie? — fragte ich leise.
Elena zeigte auf das Gemälde.
— Von dort.
— Wo ist dieser Ort?
— Dort… hinter dem Wald.
— Wann kommen sie?
— Beim Vollmond.
— Und das nächste Mal?
— Beim dritten Mond.
Ihre Stimme war viel zu ruhig.
In jener Nacht war Vollmond.
Kaltes Licht fiel durch die Fenster des Krankenhauses in die Flure.
Nach Mitternacht verließ ich mein Zimmer.
Elenas Tür stand einen Spalt offen.
Ich hörte Stimmen.
— Andruschka… beweg dich nicht so viel… lass mich dich ansehen…
Ich ging hinein.
Und erstarrte.
Das Gemälde… lebte.
Auf der Schaukel saß ein kleiner Junge.
Auf dem Pfad stand ein Mann.
Der Junge sah mich an.
— Wer ist das, Mama?
Elena antwortete:
— Der Arzt.
Der Mann sprach.
Seine Stimme war tief.
— Geh weg.
— Deine Zeit ist noch nicht gekommen.
Ich trat zurück.
Fast rennend verließ ich den Raum.
Am Morgen suchte ich sofort ihre Akte.
Ich fand darin ein Foto.
Elena, Viktor und Andruschka standen darauf.
Genau dieselben Gesichter.
Zwei Wochen später war das Praktikum vorbei.
Als ich mich verabschiedete, nahm Elena meine Hand.
— Sie haben sie gesehen… nicht wahr?
Ich konnte nicht lügen.
— Ja.
Elena lächelte.
— Haben Sie keine Angst.
— Wir warten nur aufeinander.
Einen Monat später kehrte ich ins Krankenhaus zurück.
Ich fragte einen Studenten:
— Was ist mit Vereszova passiert?
— Sie ist gestorben.
— In einer Vollmondnacht.
— Man fand sie lächelnd.
Ich ging in den Keller hinunter.
Das Gemälde war dort.
Auf der Schaukel saß der Junge.
Auf dem Pfad stand der Mann.
Und unter dem Baum stand Elena.
Eine Familie.
Zusammen.
Für immer.
Viele Jahre sind seitdem vergangen.
Ich wurde Arzt.
Doch jedes Jahr Ende Oktober kehre ich dorthin zurück.
Ich setze mich vor das Gemälde.
Und höre der Stille zu.
Manchmal scheint es, als würde der Junge winken.
Der Mann nickt.
Die Frau lächelt.
Und dann weiß ich mit Gewissheit…
dass das, was ich in jener Nacht gesehen habe, wirklich war.
Denn manchmal ist Wahnsinn nur ein anderer Name für Wahrheit.
Und die Liebe… ist stärker als der Tod.







