— Oh, Verotschka, was für ein Unglück! — Rima Arkadjewna hob die Hände, auf denen schwere goldene Armreifen klirrten. Den Glaskrug stellte sie vorsichtig zurück auf den Tisch.
Ihre Lippen formten eine mitleidige Röhre, doch ihre Augen verengten sich vor offenkundigem Vergnügen. — Meine Hände sind schon ganz schwach.
Ich wollte gerade den Fruchtsaft einschenken, und da rutschst du mir so unpassend zur Seite.
Am riesigen runden Tisch, der voller Gerichte mit gebackenem Stör und Kristallsalatschüsseln stand, fiel eine kurze Pause, die sogleich in gedämpftes Kichern überging.
Die Tante meines Mannes, eine beleibte Frau in einem lächerlichen Paillettenkleid, legte die Gabel beiseite.
— Kein Problem, Rimmotschka. Die Farbe steht ihr sogar, — grunzte sie, die Lippen mit einer Serviette abtupfend.
— Wie die Schürze einer Gemüsehändlerin auf dem Großmarkt. Vera ist eben an harte Arbeit gewöhnt.
Ich saß still, starrte auf das ruinierten Kleid. Rundum hallte der Bankettsaal des Landeco-Hotels „Waldseen“. Die Jazzband spielte, Besteck klirrte, Kellner in steifen Hemden hetzten durch den Raum.
Rima Arkadjewna feierte ihren Geburtstag mit königlicher Pracht – genau an einem Ort, an den ich meinen Mann inständig gebeten hatte, mich nicht zu bringen. Aber Stas, wie immer, hatte entschieden.
Mein Mann saß zu meiner rechten. Als der Krug sich mir zuneigte, regte er sich nicht. Jetzt zog Stas krampfhaft seinen engen Hemdkragen zurecht und tat so, als studiere er die Getränkekarte.

— Stas, bitte den Kellner um ein feuchtes Tuch,
— sagte ich ruhig.
— Ach, komm schon, Vera, geh selbst zur Toilette und wasche es,
— winkte er ab, ohne aufzublicken.
— Mama hat es doch nur versehentlich getan. Mach keine Mücke zum Elefanten.
— Ein Krug kippt nicht zufällig in diesem Winkel,
— mein Ton war leise, doch im Raum hörte es jeder.
Rima Arkadjewna griff theatralisch an ihre Brust.
— Schaut sie euch an! Ich habe sie von Herzen eingeladen, in guter Gesellschaft, und sie beleidigt mich! — Ihre Stimme überschlug sich. — „Geh zurück in deine Einöde, du arme Schluckerin!“
— Rima Arkadjewna lachte, wie sie sah, dass ich mit der Serviette den Saft aufwischte. — Aus Zarjtschensk mit nur einem Koffer gekommen,
an meinen Sohn klammernd, und dann wagt sie es, hier die Stimme zu erheben!
Ich hörte auf, den Stoff zu reiben. Legte die zerknüllte dunkelrote Serviette auf den Rand des Tellers.
Vor sieben Jahren stieg ich wirklich am Vorortbahnhof aus, in einer dünnen Jacke und mit einer billigen Kunstledertasche.
Mein Heimatort Zarjtschensk verfiel nach der Schließung des einzigen Fabrikbetriebs, und dort zu bleiben, hieß, sich selbst aufzugeben.
Ich wurde im Hotel zunächst als Reinigungskraft im Spa-Komplex angestellt. Ich sammelte nasse Handtücher, wischte Fliesen, atmete zwölf Stunden täglich Chlor ein.
Stas dachte bis heute, ich sortiere nur Papier im Lager. Ihm war die Wahrheit unliebsam. Er spielte gern den erfolgreichen Ernährer vor Verwandten und erzählte stolz, wie er eine „Provinzlerin“ unterhält.
In Wahrheit bemerkte ich schon im zweiten Jahr, dass teure Cremes in den Spa-Anwendungen verschwanden. Ich sammelte die leeren Dosen aus dem Müll, verglich sie mit den Prozedurplänen,
erstellte Tabellen in einem karierten Heft und legte es einfach auf den Tisch des Geschäftsführers, Boris Leonidovich.
Der grauhaarige, strenge Mann rief mich am nächsten Tag. Eine Woche später flog die Leiterin des Spas wegen Diebstahls, und ich wurde Junior-Lageristin.
Danach Wochenendkurse in Buchhaltung. Nächte voller Excel-Tabellen.
Drei Jahre zuvor dann die Krise. Das Hotel ertrank in Schulden. Lieferanten verlangten Geld, die Auslastung fiel kritisch. Boris Leonidovich erkrankte schwer.
Ich verhandelte nonstop mit Auftragnehmern, kürzte aufblähte Budgets, suchte Investoren. Ich rettete „Waldseen“ aus dem Minus. Als Boris Leonidovich erkannte,
dass seine Gesundheit ihm nicht mehr erlaubte, die Leitung zu übernehmen, machte er mir ein Angebot. Ich übernehme die Geschäftsführung und die Schulden, er überträgt mir die Mehrheit der Anteile.
— Vera, warum stehst du da wie eine Statue?
— riss mich Tante Nina aus den Erinnerungen.
— Geh dich waschen. Du verderbst den Appetit der Leute.
Der Hintergrundjazz verstummte. Die Musiker legten die Instrumente beiseite.
Auf die kleine Bühne stieg der Moderator des Abends, ein großer Mann im dunklen Anzug. Er klopfte auf das Mikrofon.
— Meine Damen und Herren, bitte einen Moment Aufmerksamkeit, — erklang seine tiefe Stimme.
— Wir kehren gleich zurück zu den Glückwünschen unserer wunderbaren Jubilarin, doch vorher hat die Hotelleitung eine wichtige Mitteilung.
Rima Arkadjewna richtete selbstzufrieden ihre Frisur.
— Ach, sicher nur ein Kompliment vom Hotel, — flüsterte sie ihrer Nachbarin.
— Ich habe doch dem Manager gesagt, dass wir ein Bankett für fünfzig Personen haben. Die müssen Respekt zeigen.
— Dieser Abend ist besonders nicht nur für eine Familie,
— fuhr der Moderator fort.
— Viele Stammgäste wissen, dass der Gründer von „Waldseen“, Boris Leonidovich, kürzlich beschlossen hat, sich zurückzuziehen.
Ein erstauntes Murmeln ging durch den Saal.
— Aber unser Hotel erwartet eine neue Entwicklungsphase,
— der Moderator lächelte und deutete auf unseren Tisch.
— Heute ist die Person im Saal, die die letzten drei Jahre unsichtbare treibende Kraft dieses Hauses war. Und ab heute übernimmt sie offiziell das Steuer.
Bitte begrüßen Sie die neue Inhaberin und Geschäftsführerin des Komplexes „Waldseen“ — Vera Nikolajewna!
Das Scheinwerferlicht blendete mich.
Am Tisch der Verwandten herrschte absolute Stille. Ich hörte deutlich, wie draußen eine Krähe krächzte. Rima Arkadjewna erstarrte mit offenem Mund.
Ein Stück Fisch auf ihrer Gabel fiel zurück auf den Porzellanteller. Tante Nina blinzelte immer wieder, wechselte Blick vom Moderator zu mir und zurück.
Stas drehte langsam den Kopf. Sein Gesicht verlor jegliche Farbe. Er sah mich an, als stünde ein Außerirdischer neben ihm.
— Ver… — stammelte er. — Wen hat er gerade genannt? Welche Inhaberin?
Ich schwieg. Ich schob den schweren Eichensessel zurück, stand auf.
Der Fleck auf meinem Kleid schien im grellen Licht fast schwarz, doch ich versuchte nicht, ihn zu verbergen. Mit aufrechtem Rücken ging ich an den erstarrten Kellnern vorbei auf die Bühne.
Ich erzählte den Gästen nicht meine lange Erfolgsgeschichte. Business duldet keine rührseligen Memoiren. Ich nahm das Mikrofon, sah den stillen Saal an.
— Guten Abend. Ich freue mich, jeden von Ihnen in „Waldseen“ zu sehen. Wir schätzen Ihr Vertrauen und versprechen, dass unser Service nur besser wird. Genießen Sie den Abend. Danke, dass Sie bei uns sind.
Ein kurzes Nicken. Applaus. Ich stieg von den Stufen und der leitende Administrator kam sofort mit einem weißen Tuch über dem Arm.
— Vera Nikolajewna, sollen wir das Kleid ersetzen? Im Boutique auf der ersten Etage gibt es passende Größen.
— Nicht nötig, Oleg. Die Gäste sollen sehen, dass keine Flecken uns an der Arbeit hindern, — lächelte ich knapp und ging zurück an meinen Tisch.
Dort spielte sich eine stumme Szene aus einem klassischen Drama ab. Als ich ankam,
zerknüllte Rima Arkadjewna nervös eine Serviette. In ihren Augen war kein Funken Überheblichkeit mehr, nur noch Verwirrung und instinktive Angst, vor den Gästen das Gesicht zu verlieren.
Stas sprang auf, verschüttete fast sein Glas.
— Vera! Was war das?! — fauchte er und packte meinen Unterarm. Ich schüttelte seine Hand ab.
— Du… du hast dieses Hotel gekauft? Mit welchem Geld?!
Wir leben doch von Gehalt zu Gehalt! Ich zahle Kredite!
— Du zahlst die Kredite für dein Auto und den Nerzmantel für deine Mutter, Stas, — antwortete ich ruhig, direkt in seine Augen. — Wir lebten mit meinem Geld.
Eigentlich lebten wir.
— Wie… lebten wir?
— Rima Arkadjewnas Stimme brach. Sie versuchte ein freundliches Lächeln, doch es wirkte wie ein Grinsen. — Verotschka, Liebes, warum so? Wir sind doch Familie. Na ja, ein kleiner Streit…
Du bist aber schlau, scheint es. Heimlich nur. Setz dich, das Hauptgericht kommt.
— Ich habe genug, Rima Arkadjewna. Von euren Demütigungen, eurer Herablassung und eurem Sohn.
Ich öffnete meine Clutch, zog einen Schlüsselbund aus unserer Mietwohnung und legte ihn direkt vor Stas, neben seinem halb gegessenen Salat.
— Morgen früh schicken meine Anwälte die Scheidungspapiere,
— sagte ich zu meinem Mann.
— Meine Sachen sind bereits weg. Die Miete für den nächsten Monat habe ich storniert, bis zum 25. musst du entweder ausziehen oder selbst zahlen.
— Du wagst es nicht! — kreischte Stas. Sein Gesicht glühte rot.
— Das ist gemeinsames Eigentum! Du hast das Geschäft in der Ehe angemeldet! Ich werde die Hälfte einklagen!
— Du wirst nichts bekommen. Die Anteile wurden über einen Schenkungsvertrag mit Auflagen vom ehemaligen Eigentümer übertragen. Dir gehört kein Zentimeter, Stas.
Fünf Jahre lang hast du mich als bequeme Haushaltshilfe gesehen, die die Rechnungen zahlt, während du Geschäftsmann spielst. Das Spiel ist vorbei.
Ich drehte mich um und ging zum Ausgang. Der Saal wich auseinander. Die Gäste sahen mir interessiert nach.
Draußen auf der offenen Terrasse atmete ich tief die Nachtluft ein. Es roch nach feuchter Erde, Kiefernrinde und der Kühle des nahen Sees. Im Taschentelefon vibrierte Stas‘ Anruf. Ich drückte einfach auf Sperren.
Vor mir lagen der schwere Quartalsbericht,
Verhandlungen mit Lieferanten von Meeresfrüchten und die Renovierung des linken Flügels des Komplexes. Es gab viele Probleme. Aber keines davon war ein schwacher Mann oder seine arrogante Mutter.
Morgen beginnt mein erster Tag als vollwertige Besitzerin, und er würde großartig werden.







