„Galika, jetzt bist du reich!“ – schrie die Stimme der Cousinen-Tante so laut ins Telefon, dass Galika reflexartig das Gerät vom Ohr wegzog. – „Tante Raja hat dir die Drei-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt hinterlassen! Alles! Komplett!“
Langsam ließ Galika die Hände sinken. Plötzlich wirkte die Küche winzig, die Luft schien schwer, als hätte sich die Zusammensetzung des Sauerstoffs verändert.
Eine Wohnung. Ihre eigene. Drei Zimmer. Kein Mietverhältnis, kein „irgendwann mal“. Echt.
So echt, dass selbst der Geruch an Tante Rajas Medikamente und Lavendel erinnerte, wo jedes Möbelstück eine Geschichte trug, jede Ritze ein Seufzen aus der Vergangenheit.
Sie sah zu ihrem Mann auf.
Zsenja saß am Tisch, leicht zur Seite geneigt, spielte achtlos mit einem Streichholz zwischen den Zähnen. Als er die Nachricht hörte, richtete er sich langsam auf. Aber seine Augen… seine Augen blitzten plötzlich auf.
Nicht vor Freude, nicht vor Liebe. Etwas anderes. Ein feuchter, öliger Glanz, den Galika nur in den Blicken fremder Menschen gesehen hatte, wenn es um Geld, Erbschaften oder fremdes Eigentum ging. Ihr Magen zog sich zusammen.
Diesen Blick verstand sie noch am selben Abend.
Kaum hatten sie sich zum Abendessen gesetzt, klingelte Zsenjas Handy. Automatisch schaltete er den Lautsprecher ein, wie immer, „weil es nichts zu verbergen gibt“.
– Zsenja, mein Junge! – donnerte Julija Semjonowna. – Gratuliere Galika! Was soll ich sagen, so eine Wohnung zu bekommen! Morgen kommen wir gleich mit Vera und Tolja zu euch!
Galika verschluckte sich an einem Bissen. Husten, Tränen.
– Zu uns? – brachte sie schließlich hervor. – Wohin… zu uns?
– Wohin denn, Liebling? – lachte die Schwiegermutter am Telefon. – In die Drei-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt! Lass sie doch nicht leer stehen!
Wir quetschen uns in die Zwei-Zimmer-Wohnung, Tolja muss lernen, Vera zur Arbeit, alles führt ins Zentrum. Ihr seid jung, ihr passt in das kleine Zimmer. Wir sind eine Familie, nicht wahr?
Zsenja nickte eifrig, als sähe ihn seine Mutter. Sein Gesicht leuchtete auf.
– Natürlich, Mama! Selbstverständlich! – rief er begeistert. – Galika, was ist los mit dir? Meine Mutter will nur das Beste. Sie weiß immer, was richtig ist.
Galika wollte etwas sagen, doch die Leitung war schon tot.
Am Samstag kamen sie. Nicht zum Einziehen. „Nur mal schauen.“ Ohne Gepäck, aber voller Energie.
Julija Semjonowna zog sofort ein Maßband aus ihrer Tasche und begann, die Wohnzimmerwände zu vermessen, als sei der Platz schon immer ihrer gewesen.
– Diese Wand reißen wir ab – erklärte sie.
– Hier kommt Toljas Zimmer hin. Er wird Programmierer. Talent braucht Raum, Luft.
Vera stand inzwischen in Galikas Schlafzimmer, am Fenster.
– Das passt für mich – sagte sie und blickte kritisch umher. – Schöne Aussicht. Galika, nimm diese hässlichen Vorhänge ab, ich bringe meine eigenen. Beige. Elegant.
Galika blieb stumm. Der Geist von Tante Rajas Wohnung schwebte noch immer, der stille Atem der alten Möbel, die Last der Vergangenheit.
Und diese Menschen rissen schon Wände ein, tauschten Vorhänge aus, teilten Leben neu auf.
Zsenja stand neben seiner Mutter und hielt ehrfürchtig das andere Ende des Maßbands.
– Zsenja! – packte Galika seinen Arm. – Bist du völlig verrückt? Das ist meine Wohnung! Erbschaft!
– Ach komm schon – winkte er ab. – Ja, sie gehört dir, aber wir sind doch keine Fremden. Meine Mutter denkt klug. Warum Miete zahlen, wenn wir haben… wenn wir haben… so eine große Wohnung?

Am Abend hörte Galika, wie Zsenja mit seinem Freund sprach:
– Drei Zimmer, Innenstadt! – prahlte er.
– Ich werde das Oberhaupt der großen Familie sein. Meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder – alle ziehen zu uns. Galika? Ach, sie murrt ein wenig, dann beruhigt sie sich. Wohin sollte sie schon gehen?
Dieser Satz war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
„Wohin sollte sie gehen?“
In diesem Moment erkannte Galika, dass dieser Mensch für sie kein Mensch war. Eine Funktion. Ein Schlüssel. Eine Chance. Ein Werkzeug.
Der Umzug wurde für das nächste Wochenende angesetzt. Galika schwieg die ganze Woche. Sie ging arbeiten, kochte, wusch ab, nickte, wenn Zsenja euphorisch erzählte,
welches Sofa sie kaufen würden, und dass Tolja schon einen Gamer-Tisch ausgesucht hatte. Die Schwiegermutter und der Mann waren überzeugt, dass Galika „gebrochen“ war.
Am Samstag, Punkt zehn, rollte ein kleiner Lastwagen in den Hof. Julija Semjonowna stieg triumphierend aus, Vera mit nur einem Koffer, Tolja mit seinem Computer.
– Los, Galika! – rief die Schwiegermutter.
Zsenja glänzte wie ein polierter Messing-Samowar.
– Wieso stehst du da? – rief er ihr zu. – Hol deine Sachen!
Galika trat langsam näher. Ruhig. Ungewöhnlich ruhig.
– Zsenja – flüsterte sie – wer bist du?
– Was für eine dumme Frage? Dein Mann!
– Und die Wohnung?
– Sie gehört… dir…
– GEMEINSAM! – schrie die Schwiegermutter.
– Erbschaften sind nicht gemeinsam – sagte Galika leise. – Und jetzt hör zu. Diese Schlüssel sind für die Mietwohnung.
Sie ließ sie zu Boden fallen.
– Ich habe den Vermieter angerufen. Sofortige Kündigung. Jetzt.
Zsenjas Gesicht zerfiel langsam.
– Du bist verrückt geworden?!
– Nein. Ich sehe endlich klar. Deine Mutter ist ein Genie. Sie hat dich gleichzeitig hier rausgebracht und dort ausgesperrt.
– Wohin gehst du?! – schrie er.
– Kaffee trinken – antwortete Galika, stieg ins Taxi. – Dann nach Hause. In meine eigene Wohnung. Schloss wechseln. Und die Scheidung einreichen.
– Du zerstörst die Familie! – kreischte die Schwiegermutter.
– Nein. Ihr habt es zerstört. Mit eurem Maßband.
Die Scheidung war schnell. Galika renovierte die Wohnung, begann ein neues Leben. Ein Jahr später kam ein eleganter Mann in einem schwarzen Mercedes vorbei. Als man sie fragte, was aus Zsenja geworden sei, lächelte Galika nur und sagte:
Wer ein Schloss auf fremdem Besitz baut, wacht früher oder später auf dem Flur seiner eigenen Mutter in einem Klappbett auf.







