Olga Nikolajewna trat mit zusammengekniffenen Augen aus der Tür des Notariats.
Die Oktobersonne blendete noch immer, doch ihr Licht war bereits kalt, schnitt wie Glas, ohne Wärme zu schenken. In ihrer Tasche lag der Entwurf des Schenkungsvertrags.
Die Entscheidung war gefallen. Es blieb nur noch eine Formsache: die Bescheinigung über Schuldenfreiheit zu besorgen und zu unterschreiben.
Die ruhige Dreizimmerwohnung im Stadtzentrum war ihr ganzes Vermögen, alles, was sie in einem ganzen Leben angesammelt hatte. Aber für Ilja bereute sie nichts.
Ihr Sohn und seine Verlobte Sweta lebten seit drei Jahren in einer Mietwohnung, kämpften sich durch den Alltag, planten ein Kind, sprachen von der Zukunft, als wäre sie greifbar nah.
Olga hatte fest beschlossen: Sie würde auf die Datscha ziehen. Dort gab es einen Ofen, die Veranda ließe sich isolieren. Die Jungen brauchten Platz, Luft, Möglichkeiten.
Wie sehr Ilja sich gefreut hatte, als sie es ausgesprochen hatte, wie er sie umarmt hatte wie früher, als Kind … damals, als die Welt noch einfach war und Liebe keine versteckten Absichten kannte.
An der Treppe des Büros harkte eine Frau Laub zusammen. Über ihrer Jacke trug sie einen blauen Arbeitskittel, ihre Bewegungen waren müde, mechanisch.
Als Olga an ihr vorbeiging, richtete sich die Frau auf. Ihr Gesicht war grau, vom Leben gezeichnet, doch ihr Blick war scharf, fast schmerzhaft.
Sie machte einen Schritt nach vorn, als würde sie zufällig den Weg mit dem Besen versperren.
„Unterschreib die Schenkung nicht, bevor du nicht in die blaue Kiste unter dem Bett deines Sohnes geschaut hast“, sagte sie leise, kaum hörbar.
Olga blieb stehen. Ihr Herz schlug heftig, instinktiv presste sie die Tasche an sich.
„Was bitte? Wer sind Sie?“
„Ich war die Putzfrau. Gestern hat mich deine Schwiegertochter rausgeworfen, ohne Lohn. Sie sagte, ich würde die Ecken nicht gründlich genug wischen.
“ Die Frau spuckte auf den Boden. „Dabei putze ich gut. Und ich höre gut. Während sie Tee tranken und lachten, habe ich unter dem Bett Staub gewischt.“
„Verschwinden Sie, sonst rufe ich die Polizei!“ Olgas Stimme zitterte.
„Ruf sie. Aber schau zuerst nach. Eine blaue Schuhschachtel. Im Schlafzimmer. Da steht alles drin. Auch über dich. Über das Pflegeheim im Bezirk. Und über ihre Kreditkartenschulden.“
Die Frau drehte sich abrupt um und begann wütend den Asphalt zu fegen, als wollte sie die Welt selbst zum Schweigen bringen. Sie sah Olga nicht mehr an.
Auf dem Heimweg saß Olga im Bus wie in Nebel gehüllt. Man stieß sie, schimpfte, doch sie spürte nichts. Die Worte der Frau hämmerten in ihrem Kopf, immer lauter.
„Unmöglich. Neid. Die Rache einer gekränkten Frau“, redete sie sich ein.
Ilja war ihr Sohn. Der kleine Junge, der ihr Löwenzahnblätter brachte, wenn sie sich in den Finger geschnitten hatte. Sweta war höflich, immer lächelnd, immer dankbar.
Welches Pflegeheim? Welche Schulden?
Doch der Zweifel hatte sich bereits in ihre Seele gefressen wie ein Wurm, langsam und unerbittlich.
Am Abend rief Ilja an.
„Mama, am Wochenende fahren wir zu Swetas Eltern auf die Datscha. Könntest du am Samstag die Blumen gießen? Sweta macht sich Sorgen um sie.“
„Natürlich, mein Sohn“, antwortete Olga. „Ich gieße sie.“
Am Samstag öffnete Olga mit ihrem eigenen Schlüssel die Tür zur Wohnung ihres Sohnes.
Ihr schlug der Geruch von teurem Parfum und abgestandenem Müll entgegen – sie waren hastig gegangen und hatten vergessen, den Abfall hinauszubringen.
Sie ging ins Wohnzimmer. Alles war an seinem Platz: der riesige Fernseher, die verstreuten Zierkissen. Olga stand mitten im Raum und fühlte sich wie eine Diebin.
Ihr wurde körperlich schlecht bei dem, was sie gleich tun würde.
„Ich schaue nur nach, ob sie leer ist“, entschied sie.
Im Schlafzimmer kniete sie sich neben das Bett, ihre Gelenke schmerzten, doch sie ignorierte es. Sie schlug die Tagesdecke zurück. Im Dunkel lagen Pakete, Hanteln und … die Ecke einer blauen Kiste.
Ihre Hand wurde eiskalt. Sie zog den Karton hervor. Er war schwer.
Sie setzte sich auf den Boden, schlug die Beine unter und nahm den Deckel ab.
Oben lagen alte Kassenbons, Garantiescheine. Olga atmete aus. Natürlich. Alles war gelogen.
Sie wollte den Deckel schon wieder schließen, als sie unter den Papieren eine dicke Dokumentenmappe entdeckte.
Das erste Dokument war ein Vorvertrag für einen Immobilienverkauf. Als Verkäufer stand Iljas Name. Die Immobilie: ihre Dreizimmerwohnung.
Das Datum war auf eine Woche nach der Schenkung angesetzt. Der Preis lag ein Drittel unter dem Marktwert.
Darunter lag eine bunte Broschüre: „Stille Küste – Soziales Pflegeheim“. Am Rand, in Swetas Handschrift: „Budgetabteilung. 70 % der
Rente werden einbehalten, nur 3000 Rubel Zuzahlung. Nehmen auch Bettlägerige und Demenzkranke. Mit dem Chefarzt gesprochen, Platz ist frei.“
Olga blätterte weiter. Ausdrucke von Mikrokredit-Webseiten folgten. Riesige Summen, Verzögerungen, Strafzinsen. Ilja war verschuldet. Schwer. Für ein Auto, für ein schönes Leben.
Das letzte Papier war ein psychiatrischer Befund. Auf ihren Namen ausgestellt. Diagnose: „Beginnende senile Demenz, betreuungsbedürftig.“
Sie war nie bei diesem Arzt gewesen.
Die Luft wurde dick wie Gelee. Olga bekam keine Luft, ihre Lungen gehorchten ihr nicht mehr.
Sie wollten nicht warten. Sie hatten nie geplant, dass sie auf der Datscha leben würde. Alles war längst vorbereitet. Sobald sie unterschrieb,
würden sie sie für geschäftsunfähig erklären und in die „Stille Küste“ bringen, um die Wohnung zu verkaufen und die Schulden zu begleichen.

Im Flur schlug die Tür zu.
Olga zuckte zusammen. Schritte. Lachen.
„… ich sag doch, sie wird es nicht mal lesen, einfach unterschreiben!“ Swetas Stimme klang hell und sorglos.
„Hoffentlich. Die Inkassoleute rufen schon auf meiner Arbeit an“, Iljas Stimme war müde, gereizt.
Sie betraten das Schlafzimmer und erstarrten.
Olga saß auf dem Boden, umgeben von Papieren. Die blaue Kiste stand offen.
Sweta schrie auf und schlug sich die Hand vor den Mund. Iljas Gesicht war fleckig rot.
„Mama? Du … was machst du hier?“ Er trat näher, blieb jedoch stehen, als er die Broschüre in Olgas Hand sah.
„Ich lese“, sagte Olga. Ihre Stimme klang fremd, rau. „Sehr interessant. Ist das für mich gedacht?“
Sweta fasste sich als Erste. Sie stellte sich vor ihren Mann, in ihren Augen war keine Höflichkeit mehr, nur Angst und Wut.
„Sie haben in unseren Sachen gewühlt! Dazu haben Sie kein Recht!“
„Und ihr hattet das Recht, mich lebendig zu begraben?“ Olga erhob sich. Ihre Beine zitterten, doch sie richtete sich auf. „Meine Wohnung zu verkaufen?“
„Das sind keine Schulden!“ schrie Ilja. „Investitionen! Es hat nicht funktioniert! Mama, du verstehst das nicht! Es wäre nur vorübergehend gewesen!“
„Vorübergehend?“ Olga hob das Papier. „Hier steht: lebenslang.“
„Du bist krank!“ kreischte Sweta. „Paranoid! Eine alte, verrückte Frau! Wir wollten uns nur um dich kümmern!“
„Ihr habt euch bereits gekümmert“, Olga sah ihren Sohn an. Sie suchte Scham in seinem Blick, fand nur Angst. „Auf die schlimmste Weise.“
Sie legte die Dokumente zurück in die Mappe und steckte sie in ihre Tasche.
„Gib das her!“ Sweta stürzte auf sie zu.
Olga trat zurück und stieß sie weg. Sweta prallte gegen die Kommode.
„Komm mir nicht näher“, sagte Olga leise. „Ich gehe zur Staatsanwaltschaft.“
Ilja stand mit gesenktem Kopf da.
„Mama … wir sind doch Familie.“
„Wir waren es. Bis ich in diese Kiste geschaut habe.“
Sie ging. Sie schrien ihr nach. Olga setzte sich auf die Bank vor dem Haus. Sie zitterte, ihre Zähne klapperten. Die Welt war nicht untergegangen, aber ihr Leben war in zwei Teile zerbrochen.
Am nächsten Tag ließ sie die Schlösser austauschen. Sie rief den Notar an und sagte den Vertrag ab.
Eine Woche später kehrte sie zum Büro zurück. Sie suchte den blauen Kittel.
Die Frau stand bei den Müllcontainern und rauchte.
„Lebst du?“ fragte sie.
„Ich lebe. Dank dir.“
Olga reichte ihr einen Umschlag.
„Nimm ihn.“
„Ich habe nicht wegen des Geldes gesprochen.“
„Du hast wegen meines Lebens gesprochen.“
Die Frau nickte.
„Ich heiße Valentina.“
„Komm, wir trinken einen Kaffee.“
Sie saßen im Café. Zwei alte Frauen mit ähnlichen Blicken. Olga wusste, dass der Schmerz nicht schnell vergehen würde, aber sie war nicht mehr allein, und das genügte, um endlich wieder frei atmen zu können.







