Ich legte die letzte Tomate in die Schüssel, als ich wieder Marja Ivanovnas Stimme hörte — dieser Ton, mit dem man normalerweise einem etwas begriffsstarken Menschen das Offensichtliche erklärt.
— Sergej, du hättest dir eine bessere Frau suchen sollen, sagte sie, als ob sie mir damit Gold in die Hand legen würde.
Sergej saß mir gegenüber, in die Zeitung vertieft. Er zuckte mit den Schultern, ohne aufzublicken.
Ich stand am Küchentisch, die Schüssel rutschig vom Saft in den Händen. Unter dem Vordach summte eine Wespe, der Tisch klebte noch vom Marmeladentransfer von gestern.
Zu meinen Füßen spielte Petja, konzentriert baute er eine Straße aus Bausteinen und schnaufte dabei tief. Dann stand er auf, nahm das Auto und ging stumm zum Gartentor.
Also hatte er es gehört.
Marja Ivanovna schloss die Augen, als wäre sie allein von meiner Existenz schon erschöpft.
— Olja, und du bist nach wie vor eine unfähige Hausfrau…
Ich stellte die Schüssel etwas schärfer auf den Tisch, als ich es eigentlich wollte.
— Soll ich Ihnen Tee einschenken?
— fragte ich ruhig, aber fest.
Draußen wurde es still. Sicher lauschte die Nachbarin, Zinka vielleicht. Sie hatte alles gehört.
Ich weiß nicht, wie oft ich schon gehört hatte, dass ich nichts tauge. Achtmal? Zehnmal? Genug.
Doch laut sagte ich kein Wort.
Ich wischte mir die Hände am Schürzenstoff ab und ging in die Küche.
Das kalte Wasser prasselte in das Spülbecken, übertönte die Stimmen draußen.
Ich versuchte, nicht zuzuhören, aber Marja Ivanovna sprach laut — fast absichtlich, als wollte sie sicherstellen, dass ich alles hörte.
— Ein Haus führen heißt nicht, Geschirr spülen, verstehen Sie…
Sergej trat in die Küche, rieb sich den Nacken.
— Mama schimpft halt, hör nicht hin. Was soll man von ihr erwarten…
Ich sah ihn an. Er zupfte nervös am Hemdsaum, wich meinem Blick aus.
— Sergej, hast du überhaupt gehört, was sie gesagt hat?
Er zögerte.
— Na ja, gehört schon. Mama ist halt so. Nimm es dir nicht zu Herzen.
Dann drehte er sich um und ging.
Ich drehte das Wasser auf — härter, als nötig. Meine Finger froren fast ein.
Draußen hörte ich Zinkas Stimme:
— Olja, ist es bei euch schon wieder so heiß? Halte durch!
Alle sehen es. Alle hören es. Und niemand tut etwas.
Ich drehte den Wasserhahn ab, wischte mir die Hände und dachte: Was wäre, wenn ich einfach gehen würde? Würde es jemand merken?

Marja Ivanovna rief aus dem Flur:
— Olja, Tee einschenken, Hausfrau!
Ich atmete langsam aus.
Petja saß auf der Schaukel, sein Spielzeugauto kreiste im Sand. Ich hockte mich neben ihn, strich ihm über die Schultern.
— Mama, warum spricht Oma so laut? Ist Krach schlecht?
Ich zog ihn in meine Arme.
— Nein, manchmal sind Erwachsene einfach müde.
Er nickte und wandte sich wieder seinem Auto zu.
Zinka trat heran, reichte mir ein Glas Wasser.
— Trink, Olja. Es ist heiß, ich weiß.
Ich nahm es, trank einen Schluck. Das Wasser war lau, nur aus dem Hahn.
— Weißt du, Olja — sie setzte sich auf die Bankkante — als mein Mann noch lebte, musste ich auch seine Mutter ertragen. Ich dachte immer, man muss halt durchhalten. Und hinterher habe ich mich jahrelang gequält. Du bist gut. Vergiss dich selbst nicht.
Sie klopfte mir auf die Hand und ging.
Ich starrte auf die staubigen Schaukeln. Der Sand unter meinen Füßen war warm. Hinter dem Zaun schrie Marja Ivanovna wieder etwas über das Abendessen.
Nicht alles ertragen zu müssen — dieser Gedanke hallte in mir wider, so klar, als hätte jemand ihn laut ausgesprochen.
Ich nahm die Decke vom Stuhl und ging ins Schlafzimmer. Nicht laut die Tür zuschlagen — einfach still schließen.
Ich lag auf dem Bett, starrte an die Decke. Meine Hände zitterten.
Ich hatte es getan. Wirklich getan.
Am Morgen wurde ich vom Geräusch von Schritten geweckt. Sergej packte seine Sachen.
Ich trat in die Küche. Er stand am Tisch, hielt die Jacke in der Hand.
— Also meinst du es ernst? — fragte er.
— Ja.
Er nickte, schaute an mir vorbei.
— Meine Mutter sagt, sie fährt zu ihrer Schwester. Ich bringe sie hin.
— Gut.
— Und ich… — er zögerte. — Ich fahre auch erst einmal weg. Muss nachdenken.
Ich sagte nichts.
Marja Ivanovna trat hinaus mit ihrem Koffer. Sie sah von oben auf mich herab. Kein Wort. Sie stieg ins Auto und schlug die Tür zu.
Sergej setzte sich ans Steuer, startete den Motor, drehte auf dem Kiesweg und fuhr davon.
Ich blieb auf der Veranda stehen. Hörte, wie das Geräusch des Autos leiser wurde.
Stille.
Ungewohnt. Beängstigend. Aber auch richtig.
Petja kam eine Stunde später vom Spielplatz zurück. Kam zu mir, setzte sich leise auf meinen Schoß, legte den Kopf an meine Schulter.
— Mama, kann man hier spielen?
Ich zog ihn an mich.
— Hier kannst du jetzt alles sein.
Er nickte und rannte wieder los.
Ich schaute auf das Haus. Es wirkte groß, leer. Frei.
Die Tränen liefen mir über die Wangen. Aber sie brannten nicht. Sie liefen einfach.
Ich habe mich für mich entschieden.
Am Abend stellte ich den Wasserkocher auf. Holte die Schüssel mit den Erdbeeren — die Beeren waren schon leicht vergammelt. Ich wusch mir die Hände unter kaltem Wasser.
Draußen huschte Zinka vorbei.
— Na, ist es jetzt ruhig bei euch?
Ich lächelte.
— Ja. Jetzt gelten meine Regeln. Nicht perfekt — aber meine.
Ich sah mein Spiegelbild im Fenster. Müdes Gesicht. Nasse Augen. Aber etwas anderes auch — etwas Neues.
Vielleicht ist es Zeit, nicht mehr auf perfekte Beziehungen zu warten. Jeder hat seinen eigenen Garten. Seine eigenen Unkräuter.
Ich goss mir Tee ein, setzte mich ans Fenster.
Endlich, nach langer Zeit, beschuldigte ich mich nicht mehr.







