— Andrij, pack deine Sachen.
Viktorias Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, und doch lastete jede Silbe wie Blei. Sie hob den Ton nicht,
ihr Atem zitterte nicht, und vielleicht war es genau das, was ihre Worte so furchterregend machte. In diesem leisen Satz lag jede unterdrückte Nacht,
jede verschluckte Träne, jeder Moment, in dem sie sich selbst einredete: „Es wird besser werden.“
Andrij saß auf dem Sofa. Nicht entspannt, nicht bequem, sondern zusammengesunken, als würde sein Körper sich entschuldigen, nur weil er da war.
Sein Hemd war zerknittert, halb aufgeknöpft, als hätte er es hastig angezogen oder es hätte ihn nie wirklich interessiert, wie er neben ihr aussah. Sein Haar war wirr,
der Bart mehrtägig, unter den Augen zogen sich dunkle Ringe, die nicht nur von Müdigkeit zeugten, sondern auch davon, dass er zu viel zu verbergen hatte.
Er biss sich auf die Lippe und rieb nervös den Nasenrücken, wie immer, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlte.
— Vika… — begann er schließlich, und schon in diesem einen Wort lag Vorwurf. — Warum musst du immer so anfangen? Warum machst du aus allem Drama?
Du übertreibst. Wir sind erwachsen. Wir könnten das auch normal besprechen.
Viktoria lachte auf. Ein raues, heiseres Lachen, das eher wie schmerzhaftes Husten klang als wie Freude.

— Normal? — fragte sie, die Augen für einen Moment schließend.
— Nach dem Morgen, an dem deine Mutter mich wieder eine „Fremde“ nannte?
Nur, weil ich nicht auf derselben Straße geboren wurde wie sie? Als würde eine Landkarte entscheiden, ob man ein Mensch ist oder nicht.
Sie machte einen Schritt auf ihn zu. Nicht bedrohlich, eher endgültig.
— Oder weil du schon zum dritten Mal „auf Mission“ beim Buchhalter warst? Bei Sweta. Bei der du angeblich kaum warst, die aber trotzdem deinen Tagesablauf besser kennt als deine Ehefrau.
Andrij sprang auf.
Die Bewegung war hastig, nervös, als wollte er damit die Kontrolle zurückgewinnen.
— Du erfindest Dinge!
— schrie er.
— Wie lange willst du noch aus allem ein Problem machen? Echt, du bist nicht normal!
Viktorias Herz zog sich zusammen. Sie hatte das nicht zum ersten Mal gehört. Vielleicht nicht einmal zum fünften Mal.
Aber jetzt war es anders. Jetzt tat es nicht mehr weh, wie früher. Sie hörte klar, wie leer es war.
— Andrij — sagte sie leise und legte den Finger auf ihre Brust — glaub mir, ich möchte am wenigsten misstrauen. Ich wollte glauben. Ich habe mir alles erklärt.
Aber wenn man deine Mutter beim Notar mit gefälschten Papieren auf meinen Namen sieht… dann braucht man keine Fantasie mehr.
Die Luft schien zu gefrieren.
Andrijs Gesicht wurde blass. Seine Augen weiteten sich, dann wandte er den Blick abrupt ab, als sei die Wahrheit zu scharf.
— Wovon… wovon redest du?
— schluckte er schwer.
— Welche Papiere?
— Von denen — antwortete Viktoria langsam, jeden Silbe abwägend — mit denen ihr beide versucht habt, mit meiner Wohnung zu spielen. Meiner Wohnung.
Der, die ich lange vor der Ehe gekauft habe. Ich war beim Notar. Ich habe alles prüfen lassen. Die Unterschrift ist gefälscht. Mein Name. Mein Leben. Gute Arbeit, Andrij. Präzise.
Andrij drehte sich weg. Seine Schultern spannten sich, als sei sein Körper plötzlich zu schwer geworden.
— Gut — sagte er schließlich mit leerer Stimme.
— Morgen hole ich meine Sachen. Aber eines tu nicht. Wage es nicht, meine Karte zu sperren. Die Hälfte deines Kleiderschranks habe ich bezahlt.
Viktoria atmete leise aus.
— Zu spät — sagte sie. — Deine Karte ist bereits gesperrt. Wegen der Schulden. Deinen „Anteil“ suchst du bei den Vollstreckern.
Die Tür schlug zu. Mit solcher Wucht, dass die Wände bebten.
Der Ton hallte nach, dann verstummte er, und in der Wohnung blieb eine Stille zurück, die fast weh tat.
Viktoria stand regungslos. Ihr Herz schlug wild, aber sie brach nicht zusammen. Die Luft war kalt, und doch klar. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie, wie es war, frei zu atmen.
Als sie völlig allein war, legte sich die Stille schwer auf sie. Ein klebriges Gewicht. Einen Moment lang fühlte sie sich schwach.
Sie wollte sich auf den Boden setzen, ihr Gesicht in die Hände vergraben und verschwinden. Nicht stark sein. Nicht kämpfen. Einfach nur ausruhen.
Aber sie konnte es sich nicht erlauben.
Das Telefon vibrierte.
„Larisa Ivanovna“.
Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht. Natürlich. Sie nahm nicht ab. Der Anruf wiederholte sich. Noch einmal. Zum vierten Mal nahm sie ab.
— Also, Viktoria — die Stimme ihrer Schwiegermutter klang zu süß — bist du zufrieden?
Dein Mann ist auf der Straße gelandet?
Die Wohnung gehört dir? Siehst du wirklich nicht, wie du aussiehst von außen?
— Larisa Ivanovna — antwortete Viktoria müde — ich habe keine Lust zuzuhören. Andrij hat entschieden. Seine Sachen sind seine Sorge.
— Ach wirklich? — Ihre Stimme zitterte vor Wut.
— Das Gericht ist kein Ort für Tratsch mit Freundinnen. Dort sitzen seriöse Leute. Mein Sohn hat hervorragende Kontakte. Sein Anwalt ist auch keine kleine Bezirkskanzlei.
— Lassen sie es versuchen — sagte Viktoria.
— Ich kenne auch Fachleute. Leute, die Fälschungen verstehen.
— Das wirst du bereuen — zischte die Schwiegermutter.
— Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst.
Viktoria legte auf. Ihre Hand zitterte, als sie das Telefon ausschaltete. Zum ersten Mal seit Monaten.
Sie hatte keine Angst. Wut brannte in ihr. Reine, glühende Wut, die sie am Leben hielt.
Sie schaltete das Gerät wieder ein, scrollte durch ihre Kontakte und blieb bei einem vertrauten Namen stehen.
Jurij Petrowitsch.
Der Anwalt, der ihr einmal schon geholfen hatte, als alles gegen sie war. Damals knirschte er trocken Brot und sagte: „Lass dich nicht unterkriegen.“
— Hallo, Jurij Petrowitsch? Viktoria hier. Ja… ein neuer Fall. Dringend. Wir müssen uns treffen.
Im Café neben dem Gericht war der Kaffee kalt. Bitter, wie die letzten Monate. Jurij Petrowitsch ordnete die Unterlagen und richtete nervös seine Manschetten.
— Vika — sagte er schließlich — es wird nicht einfach. Sie werden kämpfen. Schmutzig. Aber du hast eine Chance.
— Chancen interessieren mich nicht — sagte Viktoria.
— Ich habe es satt, dass andere über mich bestimmen. Wenn sie Krieg wollen, dann kriegen sie Krieg.
Das Telefon klingelte erneut. Andrijs Name erschien auf dem Display. Sie nahm ab.
— Viktoria Sergejewna — begann er offiziell — lass uns friedlich reden.
Die Hälfte der Wohnung, und wir schließen es ab.
— Andrij — antwortete sie ruhig — deine Mutter hat gefälscht. Du hast gelogen. Und jetzt willst du die Hälfte? Ernsthaft?
Stille.
— Du hast dich verändert — sagte er schließlich.
— Ich habe zu mir selbst zurückgefunden — antwortete Viktoria.
— Nicht zu der, die dir bequem war.
Sie legte auf.
Monate vergingen. Verhandlungen, Beweise, Spannungen, schlaflose Nächte. Angst, Hoffnung, Erschöpfung. Aber am Ende fiel das Urteil.
Die Wohnung gehörte ihr.
Als sie das Gerichtsgebäude verließ, war die Luft anders. Leichter.
An diesem Abend rief ein alter Bekannter an.
— Kaffee? — fragte er. — Nur ein Gespräch.
Viktoria nickte lächelnd, denn sie wusste, dass ein neues Kapitel begonnen hatte.







