– Bist du sicher, dass wir heute fahren sollten? – Marina stand am Fenster, ihre Finger um den Gürtel ihres Bademantels gekrallt. Draußen wirbelten die Schneeflocken wie kleine,
kalte Tänzer im Licht der Straßenlaterne. – Es schneit unaufhörlich. Die Straßen sind bestimmt zugeschneit. Und ehrlich gesagt…
ich habe überhaupt keine Lust auf diesen ganzen Trubel.
Andrej band vor dem Spiegel im Flur seine Krawatte, ohne sie anzusehen. Seine Bewegungen waren hektisch, unruhig, ein wilder Mix aus Ungeduld und Nervosität, die er kaum zu verbergen versuchte.
– Marina, bitte hör auf zu zögern! – rief er, die Stimme gereizt. – Mama wartet. Fünfundsechzig Jahre – das ist kein kleiner Geburtstag.
Der Tisch ist gedeckt, die Gäste sind da. Wir können nicht einfach zu Hause bleiben. Ich bin doch ihr einziger Sohn.
Marina seufzte, zog sich vom Fenster zurück. Natürlich war er ihr Sohn. Und sie – seine Frau.
Eine Frau, deren Geburtstag gerade erst drei Tage zurücklag, ein Tag, der für sie unspektakulär verlaufen war, als wäre es ein ganz normaler Dienstag gewesen.
Andrej war spät nach Hause gekommen, hatte von Arbeit und Deadlines gemurmelt, ihr eine Plastiktüte mit billigen Pralinen und einer einzelnen, schon welkenden Rose in die Hand gedrückt und gefragt, was es zum Abendessen geben solle.
– Ich sage nicht, dass wir nicht fahren sollten, – flüsterte sie, als sie ins Schlafzimmer ging, um sich umzuziehen.
– Ich dachte nur… wir könnten wenigstens am Wochenende meinen Geburtstag nachfeiern. Nur wir beide. Du hattest es doch versprochen.
– Marina, welches Restaurant? – Andrejs Stimme kam gedämpft aus dem Flur.
– Du weißt doch, wir sparen gerade. Hypothek, Auto, Bonus gekürzt… Wir können doch einfach zu Hause ein Glas Wein trinken. Ist das nicht auch ein Fest?
Marina zog ihr dunkelblaues Kleid aus dem Schrank, gekauft vor drei Jahren. Es saß immer noch perfekt, verbarg, was verborgen werden sollte, doch jedes Mal,
wenn sie es anzog, roch sie den Duft von Mottenkugeln, von verpassten Träumen und resignierter Hoffnung.
„Du verstehst ja… alles, was du tust, ist für uns“, hatte er gesagt. Sie hörte diese Worte seit zwanzig Jahren häufiger als „Ich liebe dich“.
Letzte Woche, beim Durchsehen von Andrejs Winterjacke, war ihr ein zusammengefalteter Beleg in die Hände gefallen. 180.000 Rubel. Ein Betrag, der ihr Herz höher schlagen ließ.
Die genaue Bezeichnung war kaum lesbar, aber allein die Existenz dieses Geldes ließ sie hoffen: Vielleicht plante er ein großes Geschenk. Eine Reise? Eine Saphirkette, von der sie seit Monaten träumte?
Die Pralinen und die einsame Rose vor drei Tagen fühlten sich jetzt wie eine Beleidigung an, doch Marina hatte geschwiegen.
Sie klammerte sich an den letzten Funken Hoffnung, dass das eigentliche Geschenk noch kommen würde, vielleicht sogar vor den Gästen überreicht.
Im Taxi herrschte Stille. Andrej starrte nervös auf die Uhr, auf sein Handy. Auf dem Rücksitz lag ein großes Paket,
in goldenes Papier gewickelt. Marina wollte nicht hinsehen, doch ihre Augen wurden magisch von dem Paket angezogen.
„Für Mama“, redete sie sich ein. Doch das Paket wirkte zu weich für eine Küchenmaschine. Zweifel kroch in ihr auf, leise und hartnäckig.

Die Wohnung von Galina Iwanowna empfing sie mit dem Duft von gebratener Ente und teurem Parfum. Die Schwiegermutter wirkte wie aus einem Modeheft entsprungen:
jedes Haar perfekt, Goldohrringe blitzend, Lippenstift makellos. Sie öffnete die Tür und strahlte, als wäre sie ein Samowar, glänzend und majestätisch.
– Andruschka! Mein Sohn! Endlich! Ich dachte schon, ihr würdet euch im Schnee verlieren! – Sie küsste ihn auf beide Wangen, dann glitt ihr Blick über Marina.
– Hallo, Marina. Kommt herein, die Gäste warten.
Das Wohnzimmer war voll. Familie, Freundinnen der Schwiegermutter, alle festlich, laut, lebendig.
Der Tisch bog sich unter der Last der Speisen. Marina fühlte sich in ihrem alten blauen Kleid wie ein Schatten, unsichtbar, fehl am Platz.
Die erste Stunde verging wie in Trance. Toasts, Gelächter, Gläserklirren. Andrej war verwandelt. Zu Hause mürrisch, sparsam, hier großzügig, fröhlich, aufmerksam.
– Und nun die Geschenke! – rief Tante Luba.
Die Gäste überreichten Blumen, Umschläge, Geschenke. Galina Iwanowna nahm alles mit königlicher Gelassenheit.
– Mama, nun ich, – Andrej stand auf, seine Stimme zitterte. – Ich will dir gratulieren.
Du bist die Beste, die Schönste, die Liebste. Du hast dein Leben mir gewidmet. Ich möchte, dass du weißt: Ich weiß das zu schätzen.
Er zog das Paket hervor. Marina erstarrte. Ihr Herz schien für einen Moment zu stocken.
Die Verpackung riss auf. Zum Vorschein kam ein langer, schwarzer Nerzmantel. Der Pelz glänzte im Licht, funkelte. Stille, dann Jubel.
Marina spürte, wie ihr Blut aus dem Gesicht wich. 180.000 Rubel – für die Frau, die sie immer belehrt hatte, die Schwiegermutter, die Wärme und Status wollte.
– Marina, warum sitzt du so? – fragte Galina Iwanowna. – Gefällt es dir nicht?
Marina sah Andrej an. Er wich kurz aus, lächelte dann wieder zu seiner Mutter.
– Sehr schön, – flüsterte sie, ihre Stimme fremd, hart und leise. – Königlich…
Den Rest des Abends erlebte sie wie durch einen Schleier. Sie trank Wasser, nickte, lächelte gezwungen.
Nur ein Gedanke wiederholte sich in ihrem Kopf: „Während Mama im Pelz glänzt, bleibt die Küche auf der Strecke.“
Zu Hause packte sie heimlich Andrejs Sachen zusammen. Zwei Koffer, alles. Kein Weinen, nur klare, entschlossene Handlungen.
Sie überprüfte ihr Konto, buchte einen Flug nach Thailand. Alles still, alles entschieden. Andrej wachte auf, roch Kaffee, erwartete Versöhnung. Marina saß ruhig, mit einer Tasse Kaffee, das Handy in der Hand.
– Deine Sachen liegen draußen, – sagte sie nur. – Die Schlüssel auf der Kommode.
Der Flug startete. Das Meer, die Sonne warteten. Zum ersten Mal spürte Marina, dass sie lebte, dass sie sich selbst wählte, dass sie an erster Stelle stand.
Und sie wusste: Endlich war sie ganz sie selbst.







