— Igor? Kannst du sprechen? — Alinas Stimme war brüchig, zitterte, als würde jeder Ton ein Stück ihres Herzens zerreißen. Igor spürte sofort, dass etwas Schreckliches passiert war, etwas, das alles veränderte.
Er stand auf dem Baugerüst, hoch über dem geschäftigen Treiben der Baustelle.
Der Wind riss an seiner Arbeitsjacke, und unten schrien die Arbeiter durcheinander, Metall krachte auf Metall, der Kran ächzte unter der Last.
Doch plötzlich verschwammen all diese Geräusche zu einem fernen, dumpfen Rauschen, als sei die Welt um ihn herum verschwommen. Nur Alinas Stimme zählte, nur das Zittern darin.
— Alina, was ist passiert? Warum klingst du so? — fragte er ruhig, obwohl sein Herz wie wild klopfte. Immer war er stark gewesen, der Beschützer, die Stütze. Jetzt brauchte sie ihn mehr denn je.
— Ich… ich stehe draußen, Igor. Vor unserem Haus. Mit meinen Taschen.
Ein eisiger Kloß schnürte ihm die Brust zu, seine Hände krampften sich um das Geländer.
— Wie meinst du das? Wohin gehst du? Wir hatten doch alles geplant.
— Nein! — Alina schrie fast, und in ihrem Schluchzen lag bittere Wut. — Deine Mutter… sie war da, während du nicht da warst. Sie hat gesagt, ich soll gehen. Sofort.
Igor spürte, wie sein Herz in der Brust hämmerte. Zinaida Pawlowna. Seine Mutter. In seiner Wohnung. In der Wohnung, die er mit seinem Blut und Schweiß gekauft hatte, die er noch Jahre abbezahlen würde.
Er sah sie vor sich: klein, aber furchteinflößend, mit diesem ruhigen Blick, der nie Gutes verhieß, und den Lippen, die immer ein Urteil bereithielten.
— Was hat sie getan? — seine Stimme war tonlos, aber eisig. — Auf welchem Recht?
— Sie sagte, ich sei nicht gut genug für dich. Ich sei nur eine Last. Und Ruslan… er braucht die Wohnung dringender.
Ruslan. Sein jüngerer Bruder. Der ewige Lebenskünstler, für den immer alles „dringender“ war. Igor spürte, wie sich Wut und Ohnmacht in ihm aufstauten, eine kalte Wut, die in den Adern pochte.
— Bleib, wo du bist. Ich komme sofort. Wir werden das klären.
Er legte auf, kletterte vom Gerüst, ignorierte die Rufe des Bauleiters, warf den Helm auf den Beifahrersitz und raste los.
Die Gedanken überschlagen sich in seinem Kopf. Wie konnte sie es wagen? Die Wohnung war sein Stolz, jeder Zentimeter Laminat, jede Steckdose hart erarbeitet.
Und Alina war nicht einfach ein Mädchen, das ihm lieb war. Sie wollten heiraten. Sie hatten Pläne für den Sommer, für ihre Zukunft, für ein Leben zu zweit.

Er rief seine Mutter an. Sie nahm das Telefon erst nach mehreren Klingelzeichen ab, als wollte sie ihm Zeit lassen, wütend zu werden.
— Ja, mein Sohn — sagte sie ruhig, beinahe gelassen.
— Was hast du getan? Warum steht Alina draußen? Warst du in meiner Wohnung?
— Ja, ich war da — sagte sie ohne Reue. — Ich habe Ordnung geschaffen.
— Ordnung? — Igor knurrte. — Du hast meine Verlobte rausgeworfen!
— Dein Bruder hat keinen Platz. Ich habe nur geholfen. Und Alina… sie beeinflusst dich. Bald vergisst du die Familie.
— Es ist meine Wohnung! — seine Stimme bebte nun vor Wut. — Ich entscheide, wer hier lebt!
— Dein Vater hat zum Eigenanteil beigetragen, erinnerst du dich? — sagte sie kühl. — Also haben wir ein Mitspracherecht. Ruslan hat Probleme, und deine Alina soll zu ihrer Mutter.
Igor ballte die Hände um das Lenkrad, bis die Gelenke schmerzten. Hunderttausend Rubel, die er längst zurückgezahlt hatte. Und jetzt nutzten sie es als Freibrief, sein Leben zu bestimmen.
Vor dem Haus saß Alina auf einer Bank, zusammengesunken, die Taschen neben sich. Ihre Augen waren rot vom Weinen, aber als sie ihn sah, glitzerte Hoffnung darin.
— Igor…
Er lief zu ihr, zog sie fest an sich. Sie drückte ihr Gesicht an seine Brust, zitternd.
— Alles wird gut. Wir regeln das. Komm, wir gehen nach Hause.
Doch der Schlüssel drehte sich nicht mehr. Ein neues Schloss, glänzend, fremd.
— Sie haben das Schloss ausgetauscht — flüsterte Alina.
Igor hämmerte gegen die Tür.
— Ruslan! Mach auf!
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Ruslan stand da, zerzaust, den Blick gesenkt.
— Hallo…
Igor schob ihn grob zur Seite. Kisten lagen im Wohnzimmer, überall roch es nach Zigarettenrauch und Verzweiflung.
— Pack deine Sachen. Sofort.
— Ich habe nirgendswohin… Mama sagte, es sei okay. Wir sind Familie.
— Familie wirft niemanden auf die Straße! — brüllte Igor.
Ruslan setzte sich trotzig aufs Sofa, verschränkte die Arme.
— Ich gehe nicht. Ich habe das Recht hier zu sein.
Alina trat näher, legte ihre Hand auf Igors Arm.
— Bitte… — flüsterte sie. — Ich will keinen Streit zwischen euch.
Igor sah ihr in die Augen, die Tränen noch immer glitzerten, und er traf eine Entscheidung.
Als seine Mutter später hereinstürmte, tobte sie, warf ihm Vorwürfe vor, schrie von Familie, Pflichten und Opfer.
Igor hörte ruhig zu, die Müdigkeit in seinen Knochen brannte, und sagte schließlich: „Bleibt hier, kümmert euch um den Kredit, aber ich gehe.“
Die Stille danach war schwer, fast greifbar. Draußen rauschte der Wind, drinnen herrschte eine bedrückende Ruhe.
Igor und Alina zogen in eine kleine Mietwohnung, eng, bescheiden, fremd, aber friedlich. Sie heirateten still, ohne Gäste, ohne prunkvolle Feier. Nur sie beide.
Die alte Wohnung wurde von der Bank übernommen, die Familie zerbrach. Doch nachts, wenn Igor Alinas gleichmäßigen Atem neben sich hörte, spürte er ein tiefes, stilles Glück:
Er hatte alles verloren, was ihn gebunden hielt, und alles gewonnen, was ihn wirklich frei machte.







