Die Frau gab sich als Sekretärin aus, verkleidet als Bettlerin, um die wahren Gesichter der Mitarbeiter des Unternehmens zu entdecken.

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Ich stand vor dem Spiegel und starrte stundenlang mein Gesicht an. Auf dem Papier war ich Korableva Jelizaveta Andrejevna, 30 Jahre alt, Entwicklungsleiterin eines großen IT-Unternehmens. Stark, entschlossen, erfolgreich.

Aber innerlich… innerlich war ich nur Erschöpfung, langsam über Jahre angesammelte Müdigkeit. Heute aber war ich keine Direktorin. Heute war ich nur Liza, ein gewöhnliches Mädchen, ohne Glanz, ohne Titel.

Behutsam zog ich die Cartier-Uhr von meinem Handgelenk, die einst für meinen Erfolg stand, und legte den Diamantring tief in den Schrank.

Ich zog die alten, leicht abgetragenen Jeans meiner Schwester an und einen schlichten Pullover aus dem Supermarkt. Mein Haar band ich zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammen, entfernte sämtliches Make-up von meinem Gesicht.

Die Schaufensterfassade war verschwunden, nur der Mensch blieb.

Jetzt war ich keine Top-Managerin mehr. Jetzt war ich eine Bewerberin für eine Sekretärinnenstelle. „Warum machst du das?“ — fragte Katya, meine beste Freundin. — „Du hast doch alles: Karriere,

Geld, Respekt…“ Wie sollte ich ihr erklären, dass ich die Lügen nicht mehr ertrug? Dass hinter jedem Lächeln Heuchelei lauert, und sobald ich mich abwende,

folgen Gerüchte und Beschwerden? Ich wollte keine Statistiken sehen, ich wollte die Wahrheit sehen. Die Wahrheit über die Menschen, die das Unternehmen tatsächlich tragen.

Am nächsten Morgen empfing mich der gewohnte Bürogeruch: Kaffee, Papier, Toner. Aber heute ging ich nicht in den 18. Stock, sondern in den 5., wo ein Vorstellungsgespräch auf mich wartete.

Die Idee stammte von HR-Chef Oleg Sergejewitsch — zuerst konnte er kaum glauben, was ich verlangte.

Schließlich stimmte er zu. Marina Viktorovna empfing mich. — „Korableva Jelizaveta Andrejevna?“ — fragte sie über ihre Brille hinweg. — „Ja. Aber heute bin ich nur Liza.“

Ich setzte mich und versuchte, wie eine einfache, etwas unsichere Bewerberin zu wirken. Sie stellte Fragen, ich log: erfundene Vergangenheit,

kleine Erfahrungen, bescheidene Gründe. Als sie das Gehalt nannte — fünfundzwanzigtausend Rubel — musste ich innerlich lachen. Weniger als ein Mittagessen. Ich nickte nur.

Montagmorgen, mein erster Tag im neuen Leben. Mein Schreibtisch stand neben einem wackeligen Stuhl, der Chef, Sergej Ivanovich, stand an seiner Bürotür. — „Liza, bring mir Kaffee“ — sagte er,

ohne mich anzusehen. Einen Moment lang stockte mir der Atem. Ich, der immer Kaffee gebracht wurde, war jetzt diejenige,

die ihn servierte. Wie mussten sich meine Assistentinnen gefühlt haben, als ich ihnen Befehle gab?

In der Küche traf ich Olga aus der Buchhaltung. — „Neu hier? Wie heißt du?“ — „Liza.“ — „Ich bin Olya. Keine Sorge, hier sind die Leute normal.

Sag Bescheid, wenn du etwas brauchst.“ Einfache, von Herzen kommende Worte. So lange hatte ich so etwas nicht gehört, Worte, die an mich gingen und nicht an meine Position.

In der Kantine stand ich mit den anderen in der Schlange. Der Duft von dampfender Borschtsch, billigen Frikadellen, klappernden Tabletts.

Olya, Sveta und Masha erzählten von Kindern, steigenden Preisen, ausbleibenden Boni. „Ich schicke mein Kind im September in die erste Klasse“, seufzte Sveta.

„Und das Geld reicht nie.“ Ich hörte zu. In meiner Welt war das Kleinkram. In ihrer Welt war es ein Kampf.

Langsam fiel der Schleier über alles. Ich sah, wie Olga bis neun Uhr abends arbeitete und die Arbeit von drei Menschen erledigte. Wie Sveta auf der Toilette über einen wütenden Kunden weinte,

obwohl sie nichts falsch gemacht hatte. Wie Masha Tee in einer Thermoskanne brachte, weil fünfzig Rubel zu viel für den Kaffeeautomaten waren.

An einem Freitag beim Mittagessen erwähnten sie jemanden: „Korableva, die Entwicklungsleiterin, kalt wie ein Eiszapfen.“ Mein Name. Mein anderes Ich.

Mir wurde fast schwindelig. So sahen sie mich. So erinnerten sie sich an mich.

Am Abend, über den Papieren sitzend, kam Valja, die Reinigungskraft, zu mir. — „Ich sehe, du bist müde. Hier, nimm ein Bonbon. Süßes wärmt das Herz.“ Ein kleines, billiges Bonbon.

Ich, gewohnt an Diamanten und Luxus, weinte zum ersten Mal seit langer Zeit. Ich weinte, weil ich fühlte: Hier ist echte Menschlichkeit. Nicht im Luxus, sondern in einer kleinen Geste.

Endlich verstand ich, dass ich bisher kein Unternehmen aufgebaut hatte, sondern eine Illusion. Profit, Zahlen, Glanz — und dabei das Wichtigste vergessen hatte: die Menschen.

Zu Hause, mit einer einfachen Tasse Tee, dachte ich nicht an Profit, sondern an die Menschen, und ich wusste, Liza, das einfache Mädchen, würde bei mir bleiben, denn sie ist mein wahres Ich.

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